Filmtipp #192: Der Fremde am See

Der Fremde am See

Originaltitel: L’inconnu du lac; Regie: Alain Guiraudie; Drehbuch: Alain Guiraudie; Kamera: Claire Mathon; Darsteller: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao, Jérôme Chappatte, Mathieu Vervisch. Frankreich 2013.

l'inconnu du lac

Im Oktober 2013 hatte ich bereits ausführlich über Guiraudies ungewöhnlichen Thriller geschrieben. Nun also noch einmal, diesmal etwas kürzer gefasst.
     Südfrankreich im Hochsommer: An einem türkisblauen, abgelegenen See treffen sich tagtäglich Männer, um in dem angrenzenden Waldstück unkomplizierten Sex zu haben. Viele sind regelrechte Stammgäste am See. So auch Franck (Deladonchamps), der zwischen Schwimmen, Gesprächen mit dem kauzigen Henri (d’Aussumçao) und gepflegter Langeweile immer mal wieder ein bisschen vögelt. Bei einem seiner Streifzüge durchs Gebüsch erblickt er Michel (Paou), einen dunklen, geheimnisvollen Schnauzträger mit unvergleichlich einnehmender versaut-sexueller Ausstrahlung. Franck ist sofort Feuer und Flamme für den Fremden. Als er eines Abends beobachtet, wie Michel einen seiner Liebhaber kaltblütig im See ertränkt, ergreift er nicht etwa die Flucht oder meldet ihn der Polizei, sondern lässt sich auf eine gefährliche Affäre mit der Angst ein.

Ein Kammerspiel unter freiem Himmel: Guiraudie genügen in »L’inconnu du lac« ganze vier Schauplätze — der See, der kleine Strand, das Waldstück und der Parkplatz —, um seine zum Ende hin wirklich haarsträubend spannende Geschichte zu erzählen. Auf Innenaufnahmen verzichtet der Streifen ebenso wie auf eine Spannung erzeugende Filmmusik. Dafür nutzt er Naturgeräusche wie das Blätterrascheln oder das leise Plätschern des Sees dramaturgisch — ganz ähnlich wie Alfred Hitchcock die Vogelschreie und das Flügelschlagen in »The Birds« (1963) oder Michelangelo Antonioni die Windgeräusche in »Blow Up« (1966) nutzten. Schauspielerisch ist »L’inconnu du lac« allererste Sahne, wenngleich die Schauspieler bei den allzu expliziten Großaufnahmen während der Sexszenen gedoubelt wurden. (Wer mit Erektionen, Ejakulationen sowie Darstellungen von schwulen Sexpraktiken nicht klar kommt, sollte diesen Film meiden.) Formal ein einwandfreier, streckenweise sogar beeindruckender Film, der den Zuschauer mit einigen interessanten Moralfragen zurücklässt und international mehrfach ausgezeichnet wurde; in Frankreich wählten die Journalisten des renommierten »Cahiers du cinéma« den Streifen zum besten Film des Jahres 2013.
     Die französische Doppel-DVD hat als besonderen Bonus noch einen Abdruck von Guiraudies Original-Drehbuch zu bieten, das komplett ohne Improvisationen 1:1 am Set umgesetzt wurde. Das Drehbuch schrieb der Filmemacher in 45 Tagen, der Film wurde in 30 Drehtagen, die sich über sechs Wochen verteilten, abgedreht.

André Schneider

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