13. Januar 2014

Zwei Schätze: Meine Schwester Nadine und die Gedichte Pablo Nerudas.

Zwei Schätze: Meine Schwester Nadine und die Gedichte Pablo Nerudas.

Das zweite Buch des Jahres: »In deinen Träumen reist dein Herz«. Fritz Rudolf Fries hat es geschafft, 100 von Nerudas schönsten Gedichten adäquat zu übersetzen. Oh, und was für ein Einband! Man möchte das Buch einfach nur streicheln, festhalten, nicht mehr aus der Hand legen. Schönheit in Formvollendung. Eine kleine Kostprobe? 

Liebe 

Dich so viele Tage, ach so viele Tage
so sicher und so nah zu sehn,
wie vergelte ich’s, womit bezahle ich’s? 

Der blutdürstende Frühling
der Wälder erwachte,
die Füchse kommen aus ihren Höhlen hervor,
die Schlangen trinken Tau,
und ich gehe mit dir durchs Laubwerk,
zwischen Pinien und Schweigen,
und ich frage mich, wie und wann
ich zahlen muss für dieses Glück. 

Von allem, was ich sah,
dich will ich weiterhin sehn,
von allem, was ich berührte,
nur deine Haut will ich weiter berühren:
ich liebe dein Orangenlachen,
du gefällst mir im Schlaf. 

Was soll ich machen, Liebe, Geliebte,
ich weiß nicht, wie die übrigen lieben,
ich weiß nicht, wie man sich früher liebte,
ich lebe, indem ich dich sehe, dich liebe,
ganz einfach verliebt.
Du gefällst mir mit jedem Abend mehr. 

Wo magst du sein? werde ich fragen,
wenn deine Augen verschwinden.
Wie lange säumt sie! denk ich und kränke mich.
Ich fühle mich armselig, traurig und dumm,
und kommst du, bist du ein Windstoß,
der her von den Pfirsichen weht.

Darum liebe ich dich und auch nicht darum,
wegen so vieler Dinge und so weniger,
und so soll die Liebe sein
halb abgeschlossen und allgemein,
eigen und schrecklich,
mit fliegendem Banner und in Trauer,
blühend wie die Sterne
und maßlos wie ein Kuss. 

(Pablo Neruda, 1904—1973)

Lebensweisheiten in der Schönhauser Allee.

Lebensweisheiten in der Schönhauser Allee.

Die ersten Wochen des Jahres hatten es ja in sich: Skiunfälle — Schumachers Kopf, Merkels Becken —, Kokainfund bei Aldi, medienwirksames Coming Out eines Ex-Fussballprofis — zu dem jeder, aber auch wirklich jeder seinen Senf absondern musste —, Hitchcocks nach über 60 Jahren wieder aufgefundene und restaurierte Holocaust-Dokumentation »Memory of the Camps«, immer wieder Fukushima, von der Leyen und Wulff-Prozess, die Golden Globes… — Zu den Golden Globes nur ein Satz: Wenn sich heutzutage schon eine von Natur aus immer schon eher unhübsche Charakterschauspielerin wie Meryl Streep unters Chirurgenskalpell begibt — ja, auch sie hat bereits liftingbedingte Katzenaugen —, dann kann das Ende nicht mehr fern sein.
     Monetär gesehen bereitet mir dieser Januar zwar keine Sorgen, schön ist’s dennoch nicht: Nachzahlungen für Gas und Nebenkosten, Telefon- und Tierarztrechnungen, Mieterhöhung. Somit wird sich die zweite Monatshälfte etwas karg gestalten; Tütensuppen statt Salat, Pasta oder Chili con carne anstatt Filetspitzen. Immerhin ist Chelito wieder genesen. Als ich ihm nach einer Woche endlich die Halskrause abnehmen durfte, leckte er mir minutenlang vor Dankbarkeit die Hände.
     Ich sollte mal wieder ins Velodrom, das tägliche Radfahren allein reicht mir nicht mehr. Nicht, dass ich mich träge fühle, im Gegenteil, aber ich wollte (und sollte) mir die Disziplin doch bewahren. Nur habe ich mich in den letzten Tagen so unheimlich gerne verführen lassen; ich genieße mittlerweile so maßlos gern, weil ich es insgesamt viel zu selten tue. Mein Zimmer duftet nach Fichtennadeln, ein ätherisches Öl vom Flohmarkt im Mauerpark. Dorthin verschlug es Barbara und mich nach einem ausgiebigen Frühstück mit Spiegelei, Vollkornbrötchen und Taboulé. Verfrorene Füße nach angenehmer Radtour und zweieinhalb Stunden im Park, dann: Abwasch, Dusche, Musik von Manu Katché oder Finley Quaye. Die allmählich vertrauter werdenden schwarzen Samtaugen funkeln frech über den Esstisch zu mir herüber, wir laben uns an Kartoffelpuffern mit Bratapfelmus.
     Auf einer Vernissage am Freitag sang Agnès Guipont Chansons von Léo Ferré, und ich mäandere sofort zwischen Film- und Buchplänen, zwischen Englisch, Französisch und Deutsch. Am 18. gibt sie ein Konzert; mal schauen, ob ich es mir leisten kann. — Le cadeau ist übrigens fertig, und ich werde ihn zeitnah ins Netz stellen. Lektion: Bereits begonnene Projekte auch bei nervigem Hickhack und Chaos nicht aus den Augen verlieren und durchziehen. Dank Pierre de la Roche, Thorstens Musik und den wundervollen Texten ist es ein hübscher Clip geworden. — So, und zum Abschluss noch ein Zitat von Heinrich Böll: »Wo die Freiheit bedroht ist, ist die Sprache bedroht und umgekehrt.«
     Seid gegrüßt, herzt diese Woche.

André

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3 thoughts on “13. Januar 2014

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