Filmtipp #178: Before Midnight

Before Midnight

Originaltitel: Before Midnight; Regie: Richard Linklater; Drehbuch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke; Kamera: Christos Voudouris; Musik: Graham Reynolds; Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy, Seamus Davey-Fitzpatrick, Walter Lassally, Ariane Labed. USA 2013.

Before Midnight

Als vor 18 Jahren Before Sunrise in die Kinos kam, hätte wohl keiner der Beteiligten geglaubt, dass dieser kleine Independent-Film ein so überragender Erfolg werden würde, dass gleich zwei Fortsetzungen gedreht werden »mussten«. Die Before-Filme wurden ein Langzeitprojekt: alle neun Jahre trafen sich Regisseur Richard Linklater und seine Hauptdarsteller Ethan Hawke und Julie Delpy und entwickelten gemeinsam die Geschichte von Jesse und Celine weiter. Before Sunset, 2004 gelaufen und prompt für den Drehbuch-Oscar nominiert, führte das Paar, das sich neun Jahre zuvor in Wien kennen gelernt und nach einer durchredeten Nacht wieder aus den Augen verloren hatte, in Paris wieder zusammen. Diesmal trennten sich ihre Wege nicht, sie blieben zusammen. Weitere neun Jahre später erlaubte uns Linklater, das ungleiche Gespann bei seinem Sommerurlaub in Griechenland zu »begleiten«. Die beiden leben inzwischen in Paris, haben kleine Zwillingsmädchen und verabschieden gerade Jesses Sohn aus erster Ehe, der den Sommer mit ihnen verbrachte, am Flughafen. Der Urlaub neigt sich dem Ende, die beiden freuen sich auf den letzten gemeinsamen Abend in Ruhe. Doch ihre Gespräche offenbaren schon bald eine tief sitzende beiderseitige Unzufriedenheit…
     Im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern schlägt »Before Midnight« einen traurigeren Ton an — obwohl er (natürlich) ebenso witzig und einfallsreich, schlagfertig und klug, poetisch und sexy ist. David Edelstein vom »New York Magazine« schrieb, der Film erinnere uns Zuschauer daran, wie wichtig es sei, »nicht zu vergessen, was man ursprünglich für bedeutsam im Leben erachtete, und sein Leben dadurch wieder neu zu bereichern«.
     »Before Midnight« ist das pessimistische Portrait einer festgefahrenen Beziehung, in der jeder für sich mit seinen individuellen Problemen hadert. Jesse macht die Sorgerechtssituation und räumliche Distanz zwischen ihm und seinem pubertierenden Sohn zu schaffen, und er fühlt sich mit dem Problem allein gelassen, während Celine das Gefühl hat, unter der Doppelbelastung als berufstätige Mutter zu ersticken. Er meint, sie nörgele nur noch herum, sie wirft ihm Egoismus und Verantwortungslosigkeit vor, und während sie meint, sowohl im Beruf als auch zu Hause nicht angemessen gewürdigt zu werden, ist er ihrer etwas müde geworden. Der Ausgang ihrer Krise wird — wie bei den vorhergehenden Filmen auch — offen gelassen, obwohl sich am Ende eine (fadenscheinige) Versöhnung andeutet.

Als der erste Before-Film anlief, war ich 16 oder 17. Das Trio Linklater-Hawke-Delpy begleitet mich also schon mein halbes Leben. Ich liebe die Einfachheit, das Pure dieser Filme. Zwei Menschen, ein Ort, ein begrenzter Zeitraum, und der Zuschauer ist als Zaungast kurz dabei. In »Before Midnight« verliebte ich mich einmal mehr in Julie Delpy: ohne Botox, Liftings und Implantate zeigt sie sich nackt, ungeschönt, klar. Eine Frau jenseits der 40, Mutter von zwei Kindern, die sich fragt, ob sie noch attraktiv ist. So mutig wäre keine ihrer US-amerikanischen Kolleginnen. Ein rundum geglückter Film; ich bin schon gespannt, wie es 2022 wohl weitergeht.

André Schneider

Mehr fürs Herz gibt es hier:
Filmtipp #24 & #25: Before Sunrise & Before Sunset
Filmtipp #147: The Waiting Room
Filmtipp #123: Zwei auf gleichem Weg
Filmtipp #84: Meine Braut ist übersinnlich
Filmtipp #10: Nur eine Frage der Liebe

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2 thoughts on “Filmtipp #178: Before Midnight

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