2. Oktober 2013

Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit Mirkos Besuch Anfang Juli mal wieder im Kino. Habe mir »L’inconnu du lac« von Alain Guiraudie angeschaut. Formal ein brillanter Erotik-Thriller, der in einem Cruisinggebiet angesiedelt ist. Der Kamerafrau Claire Mathon gelangen schöne, sogar erlesene Bilder. Guiraudie verzichtete — für einen Thriller eine mutige Entscheidung — auf Musik, verstand es aber, geschickt die Naturgeräusche als dramatisches Moment einzuflechten: das Blätterrascheln, der Wind, der durchs Gras streift, das Geräusch des Wassers entwickeln eine eigene Dramaturgie. Das erinnerte mich an die besten Filme Antonionis, an die Blätter im Park in »Blow Up« (1966) oder an »L’eclisse« (1962): der Klang der Seile, die im Wind gegen Metallmasten schlagen. Guiraudie scheint ein ähnlich ausgeprägtes Gehör für die Akustik der Natur zu haben. Auch die Schauspieler — Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao — waren erstklassig. Sehr gefiel mir der begrenzte Rahmen des Ganzen: »L’inconnu du lac« verzichtete nicht nur gänzlich auf Innenaufnahmen, er beschränkte sich ausschließlich auf das kleine Cruisinggebiet am See und auf das dazugehörige Waldstückchen. Ein ausgereifter und wahrlich schöner Film, sicher, und trotzdem hatte ich meine Schwierigkeiten mit ihm. Diese Form schwuler Sexualität ist mir fremd, vielleicht sogar ein wenig zuwider. Darum erschloss sich mir der erotische Aspekt der Erzählung nicht, obwohl man — »I Want Your Love« (Regie: Travis Mathews) lässt grüßen — explizit zur Sache ging und das schon geil anzusehen war. Es verstrich irre viel Zeit, ehe der plot point erreicht war. Grundsätzlich mag ich es, wenn Filme sich Zeit lassen, wenn Spannung langsam aufgebaut wird. Aber bei »L’inconnu du lac« hatte ich am Ende das Gefühl, bereits zweieinhalb Stunden im Kino zu hocken, obwohl der Film gerade mal 90 Minuten ging. Das Ende wirft eine interessante moralische Frage auf: Ein Mann wurde am See ermordet, ertränkt, sein Handtuch und seine Schuhe liegen am Strand, tagelang, und auch sein Auto steht auf dem Parkplatz. Keiner der Cruiser, allesamt Stamm- bzw. Dauergäste an diesem See, nimmt davon Notiz, niemand vermisst ihn, niemand will etwas mit ihm zu schaffen gehabt haben. Man fühlt sich von dem ermittelnden Inspektor gestört, an dem Mord scheint sich jedoch niemand zu reiben. Guiraudie zeichnet insofern schon ein erschreckend korrektes Bild der »schwulen Gemeinschaft«.

Das Team von Une nuit en eaux profondes ist seit dem ersten Drehtag Ende August gewachsen, Antony hat zwei Assistentinnen, die uns nach Kräften entlasten. Bino Sauitzvy ist unser Choreograph. Die letzten Schreibarbeiten sind erledigt, es wird keine Skriptänderungen mehr geben, ich darf nun den Autor schlafen legen und den Schauspieler wecken. Versuchen, dem Text so zu begegnen, als hätte nicht ich ihn geschrieben, als sei er mir fremd — und ihn mir dann »neu« zueigen machen. Doch wie sagt der Franzose? Besogne qui plaît est à demi faite. (»Arbeit, die Spaß macht, ist schon halb erledigt.«) Wie vor jedem Dreh packte ich wieder Michael Caines »Acting in Film — An Actor’s Take on Movie Making« aus; ein Buch übrigens, dass ich jedem Kollegen, der seinen Schwerpunkt aufs Filmschauspiel legen möchte, ans Herz legen möchte. Handwerk ist das A und O.
     Die Jungs vom Fahrradladen in meiner Straße haben mir mein Rad für 30 Euro wieder flott gemacht, so dass ich wieder mobil bin. Hab auch eine 20er-Karte fürs Schwimmbad besorgt, werde nun jeden zweiten Tag meine zwei Kilometer schwimmen, damit ich wieder fit bin. Wenn man dem inneren Schweinehund erstmal den Arschtritt gegeben hat, wird’s erstaunlich leicht.

Emmanuel Moire hat ein neues Album draußen, »Le chemin«, sein erstes seit vier Jahren. 2009 haben wir während des Alex und der Löwe-Drehs einen kleinen Clip zu Promis gedreht, erinnert Ihr Euch?

Auf »Le chemin« gefällt mir im Augenblick »Ne s’aimer que la nuit« am besten, ein richtiger Ohrwurm zum Abtanzen. Und der Refrain erst! »On pourrait faire l’amour / Mais l’amour c’est fait de quoi ? / On peut se faire la cour / Et finir chez toi, chez moi ? / Tu pourrais même / Dire que tu m’aimes / On peut aussi / Ne s’aimer que la nuit…« — Musik ist ein sicherer Weg, sich sprachlich zu akklimatisieren (und mit Abstand der schönste dazu). Mal schauen, ob ich mich an den letzten Grangé-Roman ranwage.

Ich empfinde es als eine Erleichterung, als regelrechten Luxus, dass ich nach Monaten wieder in Ruhe (!) zum Lesen komme! »Du kennst Styron nicht?«, fragte Donna entgeistert. Ich hatte nur mal gehört, dass er »Sophie’s Choice« geschrieben hatte, aber nie etwas von ihm gelesen. »Du bestellst dir sofort ›Darkness Visible‹, hast du das verstanden? Gerade du solltest das kennen! Glaub mir, da kannst du jede zweite Zeile unterstreichen!« — Gesagt, getan. Nun liegt das Buch auf meinem Nachtschrank, heute Abend werde ich anfangen.
     Kommt gut in diesen Herbst, seid allerherzlichst gedrückt.

André

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5 thoughts on “2. Oktober 2013

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