Filmtipp #150: Kreuz und queer

Kreuz und queer

Originaltitel: Bedrooms & Hallways; Regie: Rose Troche; Drehbuch: Robert Farrar; Kamera: Ashley Rowe; Musik: Ian MacPherson, Alfredo D. Troche; Darsteller: Kevin McKidd, James Purefoy, Jennifer Ehle, Julie Graham, Tom Hollander. GB 1998.

Bedrooms & Hallways

Mein heutiger Filmtipp — es ist immerhin der 150. — dürfte einer meiner persönlichsten sein.
     »Ich bin sehr froh, dass ich durch das, was die Figuren in diesem Film erleben, nicht durch muss. Diese Beziehungskonstellationen wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind«, seufzte der schönäugige Verkäufer in dem Charlottenburger Geschäft, in dem ich einst die Videokassette von »Bedrooms & Hallways« kaufte. Ende 1999 muss das gewesen sein, der Film war in Deutschland noch gar nicht angelaufen — erst Monate später sah ich das Plakat im Xenon hängen; »Scheußlicher deutscher Titel!«, dachte ich —, die VHS gab es als Import aus England.
     Was soll ich sagen? »Bedrooms & Hallways« wurde zu einem meiner all-time favourites, eine meiner Lieblingskomödien. Dabei ist das, wovon der Film handelt, gar nicht so spektakulär: Der schwule Leo (McKidd) verliebt sich in ein Mitglied seiner Männergruppe, den vermeintlich heterosexuellen Iren Brendan (Purefoy), der sich nach einer gewissen Anlaufzeit tatsächlich auf eine Art Kumpelverhältnis mit gelegentlichem Sex einlässt. Dann taucht Sally (Ehle) auf, eine alte Schulfreundin Leos — ja, die Welt ist klein! —, die, wie sich herausstellt, inzwischen Brendans (Ex-)Lebensgefährtin ist. Das Gefühlschaos ist vorprogrammiert. Ich konnte dem Verkäufer nur zustimmen: Das möchte man — bei aller Liebe zum Drama — wirklich nicht mitmachen müssen. Höchstens als Zuschauer.

Der Drehbuchautor Robert Farrar erklärte in einem Interview, dass das Schreiben des Skripts für ihn ein »Akt der Offenheit gegenüber mir selbst« gewesen sei. Er wollte die Trennlinie zwischen Homo- und Heterosexualität aufheben, die Grauzonen ausloten, Dogmen wegradieren. Leo ist ein Schwuler, der sich von einem Hetero kaum unterscheidet. Straight acting nennt man das heutzutage. Da ist nichts tuntig oder überzogen. Er steht gestresst und überfordert zwischen allen Fronten und möchte seinen 30. einfach nur in Ruhe an sich vorbeiziehen lassen. Sein Mitbewohner Darren (Hollander) und die beste Freundin Angie (Graham) machen ihm mit einer Überraschungsparty einen Strich durch die Rechnung, und er zieht sich genervt in sein Zimmer zurück, wo er in einer langen Rückblende, die praktisch den ganzen Film dauert, die vergangenen Wochen Revue passieren lässt. Und die hatten es — für alle Beteiligten übrigens — in sich. Sexuelle Identitäten verschoben oder relativierten sich, man fiel in and out of love, es gab große und kleine Dramen, die mit Eifersucht, (Lebens-)Lügen und Sex in fremden Häusern zu tun hatten sowie diverse schräge Begegnungen in einer New Age-mäßig angehauchten Männergruppe in Chiswick.
     Was ich an dem Film am meisten liebe, ist die Stimmigkeit der Figurenkonstellationen: der perfekte Ensemblefilm. (Etwas Ähnliches hatte ich mit Alex und der Löwe und seinem Nachfolger schaffen wollen.) Alle Charaktere sind irgendwie miteinander verwoben, jede Nebenrolle hat ihre liebenswerten Eigenheiten, jeder Schauspieler hatte Raum, diese genüsslich zu gestalten. Und die Akteure sind phantastisch!! Kevin McKidd, damals 25 Jahre alt und nach dem Erfolg von »Trainspotting« (Regie: Danny Boyle) schwer angesagt, ist als sexuell verwirrter Leo einfach herrlich. Ich glaube ihm alles. Julie Graham und Tom Hollander als Mitbewohner und beste Freundin hätte man gerne rund um die Uhr um sich. Und dann die Männergruppe: Con O’Neil, Christopher Fulford, Paul Higgins und Simon Callow — köstlich! Harriet Walter (die Nichte von Christopher Lee) gibt eine bravouröse Vorstellung als Callows feministische Gattin (she steals the movie, könnte man sagen), Hugo Weaving ist als Hollanders schmierig-versauter Immobilienmakler/Stecher mit von der Partie, James Purefoys irischer Akzent ist teuflisch sexy, und Jennifer Ehle … ja, Jennifer Ehle hat einfach den schönsten, erotischsten Frauenhals, den ich je in einem Film gesehen habe. Was für ein Nacken! Und die weichen Bewegungen ihrer Hände. Natürlich wird Leo da schwach! Wer würde das nicht?
     Darüber hinaus ist dieses Kleinod — das, nebenbei bemerkt, von einer Amerikanerin inszeniert wurde — eine kompromisslose Liebeserklärung an das London der Neunziger, wie ich es kennen- und lieben gelernt habe; einzelne Szenen entstanden im Coins Cafe in der Talbot Road. Das Flair, die Mode, die Lebensphilosophie (zum Beispiel in der Männergruppe), die Musik — der Film atmet das London anno 1998 permanent ein und aus.
     »Bedrooms & Hallways« sprüht nur so von (Wort-)Witz — der von der flachbrüstigen deutschen Übersetzung leider entkernt und eingeebnet wurde; die miserablen Synchronsprecher gaben dem Ganzen mit ihren aufgesetzten Humorismen den Rest — und ist ein Augenschmaus: helle, unaufdringlich-augenfreundliche Farben und Dekors, sanfte Kamerafahrten, eine Leichtfüßigkeit im Tempo (Schnitt: Chris Blunden). Wann immer es mir schlecht geht, ich deprimiert oder kraftlos bin, dann baut »Bedrooms & Hallways« mich auf.
     Beim London Film Fest gewann »Bedrooms & Hallways« 1998 verdientermaßen den Zuschauerpreis.

Auf der Online-Plattform »kino.de« steht: »Mit Sympathie für ihren sexuell orientierungslosen Helden erzählt die […] Regisseurin vom komplizierten Single-Dasein und sexuellen Experimenten, von Psychogruppen und Individualismus. Trotz Situationskomik driftet dieser schräge und mit leichter Hand inszenierte Liebesreigen nie in platte Schwulen-Klischees ab, sondern setzt auf befreiendes Lachen. Ganz nebenbei werden fast spielerisch Vorurteile entlarvt, geschlechtsspezifische Kategorien ad absurdum geführt. Denn was da zwischen Mann und Mann oder Mann und Frau abläuft, ist der ganz normale Beziehungswahnsinn, diesmal nur ironisch auf die Spitze getrieben. Alle wollen nur das Eine: Liebe. Die gibt’s aber nur in kleinen Dosen und auf Zeit.«
     Silvia Hallensleben von »epd Film« notierte: »Dass das Leben im Allgemeinen schlechtes Fernsehen nachahmt, ist mittlerweile akzeptiert. Manchmal verhält es sich aber umgekehrt, und dann schlagen sich veränderte Lebensweisen in abgewandelten künstlerischen Formen nieder. So hat die fortschreitende Auflösung lebenslanger Paarbeziehungen und die damit einhergehende Vervielfältigung individueller Beziehungsaktivitäten einige Mutationen des Liebesfilms hervorgebracht, die das Grundmuster der romantic comedy erweitern — etwa um die soap oder um das, was wir hier den Romantischen-Gruppen-Film nennen wollen. Nun hat der Romantische-Gruppen-Film […] eine Affinität zur Homosexualität. Einmal, weil die Buntheit des Lebens im RGF von der Vielfalt der Lebensformen parasitär profitiert. Aber auch, weil Schwule, Lesben und vor allem Bisexuelle mögliche Verwicklungen und Kombinationen […] potenzieren. Meistens bleiben diese Figuren dabei Beiwerk. Oder es handelt sich gleich um einen Schwulen-/Lesbenfilm. Eher selten ist es, dass in eine mehrheitlich homosexuelle Szenerie auch heterosexuelle Charaktere Aufnahme finden. Die Regisseurin Rose Troche hatte 1994 mit ihrem Debütfilm ›Go Fish‹ einen Instant-Treffer in der Lesbenszene gelandet. […] Das Buch zu ›Bedrooms & Hallways‹, das erste Filmprojekt der beiden Produzentinnen Ceci Dempsey und Dorothy Berwin, schrieb Robert Farrar […]. Eine Auftragsproduktion also. Farbe. Konventionell erzählt. Trotzdem scheinen sich in diesem Romantischen-Gruppen-Film, der um eine schwule Londoner Männer-Mini-WG samt Nachbarin, eine spiritualistische Männergruppe und diverse Ex-Beziehungen verschiedener sexueller Orientierung kreist, die Talente glücklich verbündet zu haben. Das Buch sprüht von sarkastischem Witz, die Typenpalette spielt alle Klischees von der Tunte bis zum schönen Macho-Iren souverän durch, und die Verwicklungen sind so aberwitzig konstruiert, dass wir sie sofort als Vorbild für unser Leben akzeptieren würden. Immer wieder steht dabei die Frage nach der Gültigkeit sexueller Zuordnungen im Raum, eine Frage, die hier — trotz allen Humors — ernsthaft gestellt wird und einmal nicht nur zum Vorwand für dramaturgische Volten dient.«

André Schneider

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4 thoughts on “Filmtipp #150: Kreuz und queer

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