Filmtipp #147: The Waiting Room

The Waiting Room

Originaltitel: The Waiting Room; Regie: Roger Goldby; Drehbuch: Roger Goldby; Kamera: James Aspinall; Musik: Edmund Butt; Darsteller: Anne-Marie Duff, Ralf Little, Rupert Graves, Frank Finlay, Phyllida Law. GB 2007.

Film Poster

Mit romantischen Komödien ist es so eine Sache: Eigentlich schaue ich sie mir ganz gerne an, denn zur Zerstreuung sind sie allemal gut, und einige sind auch ganz empfehlenswert — ich denke da zum Beispiel an Before Sunset, Bell Book and Candle oder Two for the Road —, aber wirklich viel schreiben kann man über sie selten, denn das Grundgerüst ist und bleibt schlussendlich — trotz kleiner Variationen — immer dasselbe. Junge trifft Mädchen (oder auch einen Jungen, und manchmal trifft das Mädchen auch ein Mädchen), es funkt irgendwie, aber man kriegt sich nicht gleich, sondern erst am Ende des Films, nachdem ein paar Hürden genommen wurden. Ab und zu sind es beste Freunde, die sich nach gefühlten hundert Jahren plötzlich ineinander verlieben, es nicht wahrhaben wollen und völlig verwirrt durch die Landschaft taumeln. Familienstand (er/sie ist verheiratet oder möchte bald heiraten, siehe »The Graduate« (Regie: Mike Nichols)), soziale (»Great Expectations« (Regie: Alfonso Cuarón)), Alters- oder Religionsunterschiede (wie in »Harold and Maude« (Regie: Hal Ashby) oder »Æ Fond Kiss« (Regie: Ken Loach)), politische Verwicklungen (A Foreign Affair) und andere Spitzfindigkeiten bringen seit Jahrzehnten köstliche Abwechslung ins Geschehen.

»The Waiting Room« ist einer meiner liebsten Filme der vergangenen zehn Jahre, er portraitiert phantasie- und liebevoll das Leben und die Liebe in London nach der Jahrtausendwende. Der Film ist frech und glaubwürdig, und obwohl das Pärchen keines ist — sie begegnen einander nur anfangs ganz kurz —, ist das Ganze romantischer als so mancher Hollywoodstreifen. Roger Goldbys Gespür für Alltagspoesie ist bemerkenswert und zeigt sich in jedem Detail, »The Waiting Room« ist ein herzerwärmendes, beflügelndes Filmerlebnis mit unvergesslichen Darstellerleistungen von allen Beteiligten. Tja, und zu viel sollte man über die Handlung auch gar nicht erzählen. Die allein erziehende Mutter Anna (Anne-Marie Duff) und der knuffige Altenpfleger Stephen (Ralf Little) treffen im leeren Warteraum eines Londoner Bahnhofes zusammen — eine kraftvolle Vorahnung erfasst sie beide, eine innige Verbindung lässt sie ihr jeweiliges Leben kurz vergessen. Die Folgen dieses Augenblicks erzählt Goldby in fein verwobenen Sequenzen, indem er uns die Lebensumstände der beiden getrennt voneinander serviert. Anna hat eine stürmische Affäre mit ihrem arbeitslosen Nachbarn George (Rupert Graves), der mit ihrer besten Freundin (Zoe Telford) verheiratet ist. Der Vater ihres Sohnes hat sich als verantwortungsscheuer Egozentriker entpuppt. Zwischen Affäre, Job und Kindeserziehung fühlt sie sich in einem emotionalen Vakuum. In einer ähnlichen Krise befindet sich auch Stephen: Seine Freundin (Christine Bottomley) wünscht sich nachdrücklich Kind und Ehe, sein Job als Alten- und Krankenpfleger wringt ihn gefühlsmäßig aus; er begleitet die sterbende Helen (Phyllida Law, Emma Thompsons Mutter). Nach der flüchtigen Begegnung im Wartehäuschen wird beiden klar, dass sie ihr Leben ändern müssen — unabhängig davon, ob sie sich je wieder begegnen werden.
     Das erfrischend Andere an »The Waiting Room« ist, dass hier die Romanze zwar mitschwingt und somit allgegenwärtig ist, aber dennoch keine Liebesgeschichte im eigentlichen Sinne erzählt wird. Vielmehr zeichnet Goldby, dessen Kurzfilm »It’s Good to Talk« 1998 für einen Oscar nominiert worden war, ein tief bewegendes Großstadtportrait und zieht uns in die Leben seiner Figuren. Wir erfahren nicht nur viel über Anna und Stephen, auch die Beziehung von George und seiner Frau, das Dilemma von Stephens Freundin Fiona und die Biographien der von Stephen gepflegten Alten — der wundervolle Frank Finlay ist in einer Schlüsselrolle dabei — werden uns so zugetragen, dass wir jeden einzeln (und das große Gefüge) spielend verstehen können. Bei aller Dichte des Materials behält »The Waiting Room« dennoch konsequent seine liebenswerte Leichtigkeit. So müssen gelungene Komödien schmecken!
     Der Film lief leider nie in Deutschland, die englische DVD ist aber problemlos beschaffbar und ein Muss für alle, die das Leben lieben.

André Schneider

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5 thoughts on “Filmtipp #147: The Waiting Room

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