15. August 2013

Seit ich hier wohne, begegnet mir immer wieder diese junge Frau, sehr mädchenhaft, zierlich. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, sie könnte 21 oder 39 sein. Eigentlich ist sie attraktiv, hat eine schöne, klare Stirn, eine prima Figur mit flachem Bauch und frechen Brüsten und einen wirklich tollen Knochenbau; ihre Wangenknochen werden dafür sorgen, dass sie auch in 20 Jahren noch schön anzuschauen sein wird. Nur ist alles an ihr irgendwie »zu…« — ihre Haut ist zu orange (Solariumdauerabo), ihr Haar zu blondiert, ihr Lippenstift zu pink, ihr Handtäschchen zu parishiltonesk, die Tätowierungen zu großflächig. Wenn sie lacht, dann tut sie das erfrischend laut und wirft dabei den Kopf in den Nacken. Sie hat wunderschöne, prachtvolle Zähne und strahlt eine Herzenswärme aus, wenn sie lacht. Hat sie sich wieder gefangen, nimmt sie eine gewollt-coole Haltung ein, die mir, je öfter ich sie sehe, wie ein fadenscheiniger Schutzwall vorkommt. Dieses Mädchen fasziniert mich, ich ertappe mich dabei, wie ich über sie nachdenke und förmlich darauf warte, sie wieder zu sehen — bei Rewe oder auf der S-Bahnbrücke, an der Schönhauser Allee oder in der Gleimstraße. Sie verkörpert das, was die Franzosen jolie laide nennen, ist gleichzeitig schön und hässlich.

Am Dienstag habe ich Grisu verkauft. Für lausige zehn Euro. Mir blutete das Herz. Nach all den gemeinsamen Kilometern — etwa 285.000 in acht Jahren — kein Wunder. Er hatte echt Persönlichkeit und ließ mich nie im Stich, schaffte es stets ohne größere Reparaturen durch den TÜV. Durch den nächsten hätte ich ihn nicht mehr so kostengünstig gekriegt, und so war es letztlich das kleinere Übel, ihn dem freundlichen Türken zu schenken, der ihn immerhin abtransportieren und abmelden wird. Nun bin ich zum ersten Mal seit 15 Jahren ohne Auto; eine gute Gelegenheit, endlich das marode Fahrrad reparieren zu lassen.
     Die Wahlbenachrichtigung lag ebenfalls am Dienstag in unserem Briefkasten. Bei der letzten Bundestagswahl stimmte ich per Briefwahl ab, da meine Schwester und ich am Wahlwochenende in Antwerpen waren. Vier Jahre ist das schon her, meine Güte! Nächsten Monat ist es also soweit, und eigentlich hat kaum einer, den ich kenne, große Lust, überhaupt noch zur Wahl zu gehen. Der Augstein formulierte am 5. August im »Spiegel« sehr treffend: »Merkel und die Deutschen bilden ein Bündnis der Angst. Einziges Ziel: die Flucht vor der Verantwortung. […] Eine Lähmung liegt über dem Land. […] Jeder Bürger weiß, wo es im Argen liegt — Steuersystem, Bildungschancen, Lohngerechtigkeit —, aber die Leute nehmen das Versagen der Regierung achselzuckend hin. […] Peter Sloterdijk […] sagt, in Deutschland herrsche eine ›chronische Duldungsstimmung‹.« — Wir haben uns gut an das Dulden gewöhnt, meckern zwar leise vor uns hin, verspüren aber als Volk nicht den Drang, laut zu werden. Darüber hinaus bricht sich eine gewisse Ratlosigkeit Bahn: Wen zum Geier soll man wählen? Merkel (»Das ging lange genug!«) geht nicht, Steinbrück (»Wer ist das?«) geht nicht, FDP steht wegen Menschenverachtung außer Frage, die Grünen gehen — was mir persönlich ganz schön weh tut — auch nicht mehr. Bleiben eigentlich nur noch die Piraten und die Linke, wobei mich bei den Piraten stört, dass es ihnen (zu) lange nicht gelungen ist, sich gegen Rechts abzugrenzen, und die Linken mich durch das »Links außen« ein wenig abschrecken. Theoretisch könnte ich mir in der Wahlkabine die Augen verbinden und mein Kreuzchen blind setzen. Fade eigentlich. Vermutlich werde ich — wie im September 2009 auch — einen Kompromiss wählen, um das, was ich nicht will, zu kippen. Hat letztes Mal allerdings auch nicht geklappt. Abgesehen davon kann das doch nicht Demokratie sein: etwas wählen, hinter dem man nicht wirklich steht, nur um das, hinter dem man noch weniger stehen kann, zu verhindern. Natürlich ist es keine Option, nicht zur Wahl zu gehen. Nur wer wählt, darf auch meckern. (Und was tun wir Deutschen lieber als das?) Die Wahlbeteiligung wird weiter sinken, weil das Grundinteresse an Politik bei der desillusionierten Jugend langsam verendet, und ich kann es niemandem ernsthaft verdenken.
     Der August ist schon wieder hälftig um; ich freue mich auf Gespräche mit Michel Ruge und Niels Koschoreck in der kommenden Woche, um der erste Drehtag zu Le cadeau ist für den 24. angesetzt. Seid gegrüßt.

André

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s