4. August 2013

Gestern: zarte Putenbrüstchen mit Honig-Senf, Thai-Curry, frischer Minze und Pfeffer angebraten, dazu zwei Salatherzen, eine Selleriestange, Tomaten, Zucchini sowie etwas Olivenöl und Balsamico — einfach, lecker, leicht. Beim anschließenden Abendspaziergang mit Chelito, um kurz nach 19 Uhr: warmer Regen, ein Sommerregen inklusive Regenbogen. Grillende Pärchen im Mauerpark, welche die Tropfen wollüstig genießen. Im Hintergrund der stolze Fernsehturm zwischen grauwolkigen Himmelsgebirgen in orange-rosafarbenem Licht. Ein paar Minuten später ist es vorbei, der Regen brachte keine Abkühlung, sondern hat lediglich die Hitze nass gemacht. Thorsten auf dem Weg zu einer Party, ich alleine zu Hause, an meinem Buch arbeitend, grübelnd, schwitzend.
     Nach all der zermürbenden Arbeit der vergangenen Wochen — ich habe es hier nur kurz angedeutet — habe ich mich vergangene Woche selbst beschenkt. Kurz vor Roman Polanskis 80. Geburtstag hat Thomas Koebner eine Biographie veröffentlicht, wie sie besser nicht sein könnte. »Der Blick der Verfolgten« legt den Fokus auf das Wesentliche: auf Polanskis Filme, sein Werk. Nach einer akribischen Recherche wurde jeder Film gewissenhaft analysiert; eine erstklassige filmwissenschaftliche Arbeit mit nur marginalen Flüchtigkeitsfehlern. Das bei Polanskis Leben nahe liegende sensationalistische Moment wird ausgespart, bei der Schilderung der dramatischen Ereignisse im Leben des Filmemachers — die Vergasung seiner Mutter in Auschwitz, die abenteuerliche Flucht aus dem Krakauer Ghetto, die Ermordung Sharon Tates, der Vergewaltigungs-Prozess und der Amtsmissbrauch des Richters Rittenband, die Verhaftung in der Schweiz — hält sich Koebner streng an die Fakten und bleibt ansonsten angenehm diskret und respektvoll. (Polanskis Kinder beispielsweise werden zwar namentlich erwähnt, auch die Geburtsjahre sind angegeben, ansonsten schlägt sich das Familienleben der Polanskis im Buch nicht nieder.) Es ist also möglich, eine packende und aufschlussreiche Biographie über einen Künstler zu verfassen, ohne dessen Privatleben zu sezieren. Koebner nähert sich Polanski über dessen Schaffen an, die rund 20 Spielfilme des Meisters werden durchleuchtet und angemessen gewürdigt. Darüber hinaus ist »Der Blick der Verfolgten« anspruchsvoll formuliert und stilistisch ein Kunstwerk in sich selbst. Ein adäquateres Geschenk hätte sich der Jubilar Polanski nicht wünschen können. — Da ich meine Filmtipps hier teilweise Monate im voraus schreibe, hatte ich meine Mini-Retrospektive (die vier Filme, die Polanski in Großbritannien drehte) unglücklicherweise bereits fertig, bevor das Buch veröffentlicht wurde. Meine Abhandlungen über »Repulsion« (1965), »Cul-de-sac« (1966), »The Fearless Vampire Killers« (1967) und »Macbeth« (1971) werdet Ihr am 18. August, Polanskis Ehrentag, hier lesen können. (Frantic und The Ninth Gate habe ich bereits besprochen.)
     Das zweite Buch, das ich mir gönnte, war das neue Hitchcock-Buch von Tony Lee Moral, »The Making of Hitchcock’s The Birds«. Da meine Bibliothek über Hitchcock und seine Filme vollständig ist, gab es hier nicht viel Neuland zu entdecken. Dennoch: ein pointiert geschriebenes Buch, das jedem Hitchcock-Neuling, der sich über den Produktionsprozess von »The Birds« (1963) schlau machen möchte, umfangreich Aufschluss bietet. Zusammen mit Donald Spotos Abhandlungen, den Biographien von John Russell Taylor oder Patrick McGilligan sowie dem Truffaut-Interview und Camille Paglias kritischer Analyse von »The Birds« bilden Tony Lee Morals Bücher — er verfasste unter anderem bereits ein Buch über Marnie — die wichtigste Einstiegsliteratur zu Hitchcocks Œuvre. (Unter meinen Filmtipps findet Ihr bereits Mr. & Mrs. Smith, I Confess, The Wrong Man und Marnie; demnächst kriegt Ihr »Frenzy« (1972) serviert.)
     Mein süßer Mitbewohner hat mir nach seiner Rückkehr am Freitag eine famose CD gebrannt: Moderat. Was für tolle Songs! Die Platte dudelt nun rauf und runter und beflügelt beim Schreiben. Die Bücherregale sind angebracht, meine Schwester brachte mir neulich einen meiner Bücherkartons mit, so dass ich Hanif Kureishi, Arne Dahl, Friedhelm Kändler, Neil Postman und meine Romy Schneider-Bildbände endlich einsortieren konnte. Heute möchte ich endlich den Kleiderschrank leeren, Klamotten für die Altkleidersammlung aussortieren. Ballast abwerfen. Und sonst? Berlusconi füllt das Sommerloch, die Merkel urlaubt, Snowden, Manning und NSA-Skandal geben der Welt Denkfutter, Eileen Brennan ist 80jährig gestorben, Russland entwickelt sich unter Putin menschenrechtlich in vorsintflutliche Zeiten zurück. Bald sind Wahlen — und um mich herum ist kaum Interesse oder gar Euphorie deswegen zu spüren. Schlechtes Zeichen. Die Umfragewerte zeigen, dass die Biene-Maja-Regierung, das Zeitalter der sozialen Kälte, weiter am Zug bleiben wird. Dabei wäre es mal wieder Zeit für einen Strukturwandel. Gerade von jungen Leuten wäre politisches Interesse wünschenswert, eine Leidenschaft, ein Feuer; es liegt so viel im Argen.
     Der zweite Anfang ist übrigens nach wie vor auf DVD erhältlich (einfach hier klicken und mir schreiben), und seit letzter Woche liegt die »Männer« mit meinem Artikel über schwule Beziehungsmodelle überall am Kiosk aus. Ich freue mich über jedes feedback — gerne auch hier, seit dem 1. August habe ich nämlich die Kommentarfunktion wieder aktiviert.
     Einen schönen Sonntag wünsche ich Euch, genießt das Wetter und schwitzig-klebrige Küsse von Eurer/Eurem Liebsten (sofern vorhanden).

André

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