Filmtipp #133: Die neun Pforten

Die neun Pforten 

Originaltitel: The Ninth Gate; Regie: Roman Polanski; Drehbuch: Roman Polanski, Enrique Urbizu, John Brownjohn; Kamera: Darius Khondji; Musik: Wojciech Kilar; Darsteller: Johnny Depp, Emmanuelle Seigner, Lena Olin, Frank Langella, Barbara Jefford. Frankreich/Spanien 1999.

The Ninth Gate

In den Presseerklärungen zu »The Ninth Gate« hieß es seinerzeit, Roman Polanski sei 30 Jahre nach »Rosemary’s Baby« (1968) wieder zum Genre des okkulten Thrillers zurückgekehrt, was die allgemeinen Erwartungen natürlich in unermessliche Höhen schraubte. Die Presse schien eine Art Fortsetzung des Klassikers zu erwarten, einen Film, der das unerreichte Meisterwerk des Horrors noch übertrumpft. Diese exorbitanten Erwartungen konnten nur enttäuscht werden. Dementsprechend böse fielen die Kritiker über Polanskis 15. abendfüllenden Spielfilm her und ließen kein gutes Haar an ihm. Für mich war »The Ninth Gate« schon insofern ein besonderes Erlebnis, weil es der erste Polanski-Film war, den ich im Kino sehen konnte, und ich muss heute, gut 15 Jahre nach seiner Entstehung, noch einmal eine Lanze für diesen Film brechen, dessen Qualitäten damals von vielen, die gerne ein zweites »Rosemary’s Baby« gesehen hätten, übersehen wurden. Aber Kritiker kritteln eben gerne, das liegt in der Natur der Sache.
     Frei nach dem Roman »Der Club Dumas« von Arturo Pérez-Reverte erzählt Roman Polanski die Geschichte des Antiquars Dean Corso (Johnny Depp), dessen Spezialität es ist, seltene Bücher zu beschaffen und auf ihre Echtheit zu überprüfen. Corso ist ein Windhund, schreckt auch vor kleinen Betrügereien nicht zurück und ist in der Branche berühmt und berüchtigt. Eines Tages kommt der exzentrische Millionär und Buchsammler Boris Balkan (Frank Langella) mit einem Auftrag auf Corso zu. Balkans Bibliothek besteht ausnahmslos aus Büchern, die sich inhaltlich mit dem Teufel befassen. Seine neueste Errungenschaft ist das Buch »Die neun Pforten ins Reich der Schatten«, das im 17. Jahrhundert verfasst wurde. Weltweit existieren nur noch drei Exemplare, allesamt in privatem Besitz. Corso soll die anderen beiden Exemplare in Portugal und Frankreich überprüfen, mit Balkans Exemplar vergleichen und seine Echtheit verifizieren. Auf seiner Reise durch Europa trifft Corso immer wieder auf eine geheimnisvolle Unbekannte (Emmanuelle Seigner, Frantic), die ihn aus gefährlichen Situationen rettet, um dann plötzlich wieder zu verschwinden. Im spanischen Toledo besucht Corso zunächst die Buchrestauratoren Pablo und Pedro Cenzia (José López Rodero in einer Doppelrolle), dann fährt er weiter nach Sintra (Portugal) und Paris, wo er die resolute Baroness Kessler (die englische Bühnenschauspielerin Barbara Jefford sprang kurzfristig für die leider erkrankte Hildegard Knef ein und sprach die Rolle mit einem herrlichen deutschen Akzent) aufsucht. Während er seinen Auftraggeber in New York telefonisch über seine Ermittlungen auf dem Laufenden hält, häufen sich in Corsos Umgebung die Todesfälle, mehr und mehr gerät er selbst in Gefahr, und zu allem Überfluss erfährt er, dass Luzifer höchstpersönlich das mysteriöse Buch geschrieben haben soll… 

Im letzten Drittel strauchelt der Film ein wenig, die Subtilität weicht der Effekthascherei in einem flammenden Finale, in dem Johnny Depp im wahrsten Sinne des Wortes vom Teufel geritten wird. Das ist der einzige negative Kritikpunkt, den ich anführen würde. Ansonsten gibt es an »The Ninth Gate« nichts zu beanstanden, es handelt sich um einen famos aufgebauten, leisen Thriller, dessen Held langsam, aber unaufhaltbar auf einer okkulten Spirale in den Abgrund rutscht. Hierbei erweist sich Polanski erneut als ein Filmemacher, der höchsten Wert aufs Detail legt — die Trivia-Sektionen auf der IMDb und bei Wikipedia zeigen, was ich meine — und ein großer Freund der Schauspieler ist: Frank Langella, Lena Olin, Emmanuelle Seigner, Jack Taylor, Barbara Jefford, Willy Holt, James Russo und José López Rodero sind einfach teuflisch gut. Meines Wissens war Johnny Depp — neben der unsäglichen Faye Dunaway — der einzige Schauspieler, für den Polanski keine freundlichen Worte hatte. Allerdings war dessen Status als Superstar der Hauptfaktor für den beachtlichen kommerziellen Erfolg der »neunten Pforte«; der Film spielte weltweit etwa 60 Millionen US-Dollar ein, die Herstellung hatte circa 38 Millionen gekostet. Kostüm, Bauten und vor allem die gelungene Musik Wojciech Kilars verdienen besondere Erwähnung.
     Fazit: Ein klassisch spannender, atmosphärisch beunruhigender und dabei äußerst eleganter Gruselfilm: intelligente Unterhaltung.

André Schneider

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