25. Juni 2013

Ich möchte mich kurz auskotzen dürfen.
     Nein, ich war nicht auf dem CSD. Vor zehn Jahren war ich zum ersten und letzten Mal dabei, das waren etwa drei Stunden, in denen ich mit Dolly Buster und ein paar Freunden von Wagen zu Wagen hopste, um Postkarten zu verteilen. Als meine Karten alle waren, sprang ich fluchtartig in die nächste U-Bahn nach Hause.
     Der Christopher Street Day ist — zumindest hierzulande — zu einem Spektakel verkommen, man zelebriert nicht viel mehr als die eigene Eitelkeit. Der Kapitalismus hat sich das ursprünglich sehr hehre sozial-politische Paket unter den dreckigen Nagel gerissen. Was nunmehr zählt, sind Sex und Drogen, sprich: der nächste Kick. Auf einer Welle der Reizüberflutung skandiert man aus der vermeintlichen Sicherheit seines Ghettos: »To-le-ranz! To-le-ranz!« — etwas, das man im eigenen Alltag nicht oder kaum lebt. (Von Akzeptanz möchte ich gar nicht erst sprechen.) Die gay community, eine »schwule Gemeinschaft«, gibt es eigentlich nicht. Kaum irgendwo werden Menschen so sehr diskriminiert und ausgegrenzt wie innerhalb der Schwulenszene. Das fängt bei der Altersdiskriminierung — als Schwuler wird man, sofern man das Sportstudio-und-Drogenprogramm nicht mitmacht, ab spätestens 35 für die Szene unsichtbar — an und hört beim Abschuss all derer, die nicht in die vorgesehenen Schubladen passen, auf. Die Schubladen heißen Tunte, Bärchen, Lederkerl, Bodybuilder, Modeltyp, Boy und so weiter. Wer sich nicht schubladisieren lässt, wird mit Ver- und Missachtung gestraft. Hinzu kommt das Kampfhennengebaren der aufeinander klatschenden Profilneurotiker, offenbar ein nach außen gekehrter Selbsthass — Rudimente der eigenen Homophobie? —, der die Herren wahllos Giftpfeile in die Menge schießen lässt. Nein, toleriert oder gar akzeptiert wird vom Gros der schwulen Männer kaum jemand, man ist unverhohlen frauenfeindlich, heterophob, islamophob, rassistisch und, ja, auch homophob. Schwule Männer, die andere Schwule als »blöde Schwuchteln« oder »Dreckstunten« beschimpfen, gibt es zuhauf. (Meist dann, wenn der Narzissmus verletzt wurde, weil man beispielsweise einen Korb gekriegt hat. Dann wird auch gerne diffamiert und verleumdet; seit es das Internet gibt, sind der kranken Phantasie kaum noch Grenzen gesetzt.) Ein wirklich reflektiertes politisches Bewusstsein findet man unter Schwulen ebenso selten wie einen spirituellen Zugang zum eigenen Ich. Kommerzialisierung der Sexualität, Body-Mass-Index, Partydrogen und eine unbesiegbar-hartnäckige Opferhaltung stehen dem ganzheitlichen Menschsein mittlerweile scheinbar unumstößlich im Wege. Selbstreflexion scheint überhaupt nicht angesagt zu sein, und so artet das schwule Sozialverhalten schon mal in Idiotie aus: Im Sommer 2009 protestierten einige schwule Aktivisten lautstark, weil sich Anwohner des Fugger-Kiezes darüber beklagt hatten, dass zwei Ledermänner am helllichten Tag Sex auf dem Bürgersteig hatten.
     Traurig auch, dass die Lesben in der Szene insgesamt so sträflich unterrepräsentiert sind; andererseits lassen sich Lesben auch nicht so gut instrumentalisieren und kommerzialisieren, sie scheinen das perfide System durchschaut zu haben.
     Bewegungen oder »Szenen« haben einen merkwürdigen Charakter. Früher oder später entstehen, überspitzt formuliert, diktatorische Machtstrukturen. Einzelpersonen erklären sich zum Sprachrohr — bei den Schwulen ist es Herr von Praunheim, inzwischen 70 Jahre alt, bei den Feministinnen Frau Schwarzer, ebenfalls 70 — und lassen andere Positionen nicht mehr gelten. Dabei haben sich Frauen-, Friedens-, Umwelt- und Homosexuellenbewegungen immer weiter entwickelt, es gibt so viele verschiedene und in sich legitime Strömungen, die Anhörung und Respekt verdienen.
     Die Dazugehörigkeit zu irgendeiner Szene hat mich nie interessiert, auch nicht als junger Mensch. Als gelegentlicher Zaungast war ich meist eher abgestoßen als fasziniert. Wenn überhaupt, dann besuchte ich in den vergangenen Jahren den alternativen CSD in Kreuzberg (Transgenialer CSD), bei dem noch ein politischer Hintergrund spürbar ist. Und schwule Partys waren nie mein Ding; in meinen Berliner Jahren war ich vielleicht ein Dutzend Mal auf einer schwulen Party, und ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
     Beruflich war mir meine nichtkonforme Art innerhalb »der Szene« nicht zuträglich, im Gegenteil. Eine Festivalleitung lehnte Deed Poll seinerzeit mit der Begründung, der Film sei »nicht schwul genug«, ab. Sicher, es war kein politischer Streifen, wir hielten nicht die Regenbogenfahne hoch, aber unser Film portraitierte ein omnisexuelles Leben, homo und hetero spielten keine Rolle mehr, es ging um die reine, allumfassende Sexualität — und Sexualität per se hat kein Gesicht, keine Präferenz. Sie ist oder ist nicht. Wir dachten damals, Homo-Festivals wären dieser Weltsicht gegenüber aufgeschlossener, und unsere Enttäuschung war groß. Das war eine prägende Begegnung mit schwulem Faschismus. Jahre später bot ich meinem Verleih ein Filmprojekt an. Man war begeistert, das Konzept gefiel, trotzdem sagte man uns ab: Sten Jacobs und ich seien für die Hauptrollen »zu alt und hässlich«, das würde die Zielgruppe nicht akzeptieren, hieß es. Sten war 38, ich 32 Jahre alt.
     Ein Schöneberger Off-Theater, das ich sehr liebe, sucht ständig ehrenamtliche Mitstreiter, die mit anpacken — Vorverkauf, Abendkasse, Garderobe, Gastronomie, Gästebetreuung —, und ich habe mich kürzlich beworben. Heute ist mein erster Arbeitstag. Leider sind die Gegenströme schon im Vorfeld so widerlich belastend, dass es unmöglich ist, mit einem guten Gefühl zu starten. Am Donnerstag erreichte mich der erste shitstorm via SMS und WhatsApp; merkwürdigerweise zettelte diesen ausgerechnet ein langjähriger Freund, dem meine Hilfe offenbar unangenehm ist, an. Wenn dieses Ehrenamt schon vorher bedeutet, dass ich mich für meine Hilfe wie der letzte Dreck behandeln lassen muss, dann hält sich mein Enthusiasmus in Grenzen. Am Samstag sprach ich mit einem szenegeeichten Freund darüber: »Lass es sein«, riet er mir. »Genieße es von außen. Diese Vereine sind in sich so gestrickt, dass Außenstehende nie wirklich hinein kommen, und wenn, dann wird’s ihnen so schwer gemacht, dass sie bald das Handtuch werfen.«
     Nun denn, warten wir es ab. Der Juni war ein bewegter Monat. Bin mittlerweile urlaubsreif und schreibmüde. Ein herzlicher Gruß, kommt gut in und durch diesen Dienstag.

André

 

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