Filmtipp #120: Mein Essen mit André

Mein Essen mit André

Originaltitel: My Dinner with André; Regie: Louis Malle; Drehbuch: André Gregory, Wallace Shawn; Kamera: Jeri Sopanen; Musik: Allen Shawn; Darsteller: Wallace Shawn, André Gregory, Jean Lenauer, Roy Butler. USA 1981.

My Dinner with André

Was für ein Experiment: 111 Minuten lang passiert nichts anderes, als dass zwei Männer an einem Restauranttisch sitzen und sich unterhalten, nur sporadisch von einem Kellner (Jean Lenauer) unterbrochen. Wie vom Nachbartisch verfolgt der Zuschauer das Geschehen. »My Dinner with André« ist einer der unvergesslichsten Filme des großen Louis Malle, ein faszinierender Exkurs über das Leben, die Kunst und die Freundschaft. Das Publikum liebte den ungewöhnlichen Film aufgrund seiner Ehrlichkeit und machte »My Dinner with André« zu einem instant classic. Heute ist er längst ein Kultfilm.
     Die beiden Drehbuchautoren haben ihre eigenen Rollen geschrieben und stellen sich mehr oder weniger selbst dar: Wallace Shawn, ein Bühnenautor und Gelegenheitsschauspieler, dessen Kunst so brotlos ist, dass er von seiner als Kellnerin jobbenden Freundin durchgefüttert werden muss, hat in einem Nobelrestaurant in Manhattan eine Verabredung mit seinem alten Freund André Gregory, dem berühmten Meister des amerikanischen Avantgarde-Theaters, der nach großen Erfolgen am Broadway für fünf Jahre in die Selbstfindung nach Schottland, Polen und in die Sahara abgewandert war und nun wieder in der Stadt ist. Wally hat André als einen unerbittlichen und hochgradig langweiligen Geschichtenerzähler in Erinnerung und sieht dem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen, doch seine Bedenken legen sich bald, als er mit André zusammensitzt und dieser zu erzählen beginnt. Auf den pragmatischen Wallace, der in all den Jahren genug damit zu tun hatte, sich für einen Hungerlohn abzurackern, wirken Andrés Erlebnisberichte befremdend und aufregend zugleich. Die beiden diskutieren ihre konträren Lebensentwürfe, und ohne es sich gegenseitig anzukreiden, stellen sie die beiden Laufbahnen nebeneinander: der esoterische Sinnsucher und der bodenständige Loser. Am Ende ist ihre alte Freundschaft neu entstanden. Wally fährt nach Hause, und der Film endet mit einem Satz auf dem Off: »Als ich endlich nach Hause kam, war Debbie von ihrer Arbeit zurück. Und ich habe ihr alles von meinem Essen mit André erzählt.«

Louis Malle: »Nach der Drehbuchlektüre war mir klar geworden, dass das Ganze als Film nur funktioniert, wenn das Publikum neugierig auf die beiden Typen ist. Und die müssen neu und unbekannt sein, nicht vertraut wie Stars. Damit habe ich schließlich Wally und André überzeugt und ihnen klarmachen können, dass sie das selbst am besten spielen könnten, weil es ja schließlich auch ihre eigene und ganz spezifische Geschichte sei.«
     André Gregory: »›My Dinner with André‹ ist all jenen gewidmet, die irgendwo unterwegs sind, ohne ein konkretes Ziel vor Augen, die schon gar nicht mehr wissen, warum sie sich ursprünglich auf den Weg gemacht haben, und die zugleich unfähig sind, umzukehren, weil sie ehrlich daran glauben, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten selten eine gerade Linie ist.«
     Gedreht wurde übrigens nicht in New York, sondern in einem kleinen Hotel in Virginia, das während des Winters geschlossen hatte. Weil die Produktion kaum Geld hatte und man sich die Heizkosten nicht leisten konnte, war das gesamte Team in Skiklamotten gepackt worden; die Schauspieler mussten »warm spielen«. Die Produzentin Beverly Karp versorgte die Crew ab und an mit Cognac, damit man sich wenigstens innerlich wärmen konnte.
     1994 taten sich Malle, Gregory und Shawn noch einmal zusammen: Vanya on 42nd Street sollte Malles außergewöhnliches Vermächtnis an uns werden. Beide Filme strahlen heute noch taghell und gehören zum Schönsten, was die Filmgeschichte hervorgebracht hat.

André Schneider

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