10. April 2013

»Du siehst so traurig aus«, sagt Sebastian und legt die Hand auf meinen Unterarm. Wir sitzen im Manolo, und ich starre aus dem Fenster hinaus auf die Schönhauser Allee.
     »Ich bin ja auch traurig«, erwidere ich müde. Mehr fällt mir nicht ein. Und auch keine Lösung — falls es überhaupt eine gibt. Geben sollte. Geben darf.
     Die Emotionsstürme hatte ich in dieser Wucht nicht erwartet. Dass mein putziger Körper jetzt zu allem Übel auch noch eine Grippe ausbrüten will, spiegelt den inneren Kampf wohl sehr gut wieder. Fast bewundere ich meinen Organismus für seine Konsequenz. In einem meiner Lieblingslieder singt Boris Steinberg: »Nur weil ich atme, leb ich noch nicht.«
     Am Montag war ich mit dem Rad zu Dr. F. nach Kreuzberg gefahren; vermutlich erahnte, erforschte und nutzte die Grippe ihre erste Chance, als ich völlig verschwitzt das Fahrrad im Innenhof ankettete. Die Emotionalität dieser Sitzung übertraf alles bisher da gewesene. Beinahe eine Viertelstunde rang ich mit den Tränen, ehe sie gewannen, mich in die Knie zwangen, flossen. Wir sprachen über meine Schuldhaftigkeit am Scheitern dieses letzten Beziehungsversuchs und über mein unbeirrbares Wissen, wertlos zu sein. Zwei Tage später brachte Sebastian es auf den Punkt, als er sagte: »Wenn Eltern einem in der Kindheit nicht glaubhaft machen können, dass man großartig und etwas Besonderes ist, wird man als Erwachsener immer skeptisch bleiben, wenn man das von anderen hört.« — Darin steckt viel Wahres. Als der Gedanke zu Ende gedacht ist, schaue ich ihm nach. Mir ist, als sähe ich ihn in eine umfassende Dunkelheit einfahren und darin verschwinden. Ich versuche, mich aufzurichten und überlege, wie verblüffend und gut es ist, dass ich trotz des schweren Gepäcks auf meinen Schultern noch so gut funktioniere.

Dass ich mich mit Filmen ablenke, stimmt nicht so ganz. Vielmehr tauche ich in sie ein, werde Teil ihrer Welt und sie von meiner. Wie ein gutes Buch oder ein Song auch. Ich bin so begeistert von Oliver Stones »Savages« (2012). Taylor Kitsch, Aaron Johnson — ooh baby, diese Körper! Und für Blake Lively würde ich — ganz ehrlich! — jeden Mann stehen lassen! Der Look des Films, der Aufbau, die Ästhetik! Und was für ein Finale! Man spürt von Anfang an, dass da etwas Großes, etwas Fulminantes auf einen zukommt — und dann dieser Showdown! Salma Hayek ist hier so grandios, was für eine Performance! »Savages« ist Stones bester Film seit »Natural Born Killers« (1994). Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte ihn sich unbedingt anschauen! Hoffe, dass ich diese Woche noch die Zeit finden werde, »Der Fluss war einst ein Mensch« (Regie: Jan Zabeil) zu sehen. Das Plakat fand seinerzeit so unheimlich schön, und war traurig, den Film im Kino verpasst zu haben.
     Letzte Woche, bevor ich nach Linden fuhr, war ich bei meinem Astrologen zum Abendessen eingeladen gewesen. Chantal, Barbie Breakout nebst Gatten sowie Dana Regyonal waren ebenfalls da. Ein lichter Abend in dunkler Zeit. Die Wetterdienste prophezeiten uns für die kommenden Tage eine saftige Temperaturerhöhung, und ich hoffe inständig, dass das keine Falschmeldung war. Der Frühling wurde selten so dringend gebraucht wie 2013.
     Zugegeben, qualitativ war das heute nicht der beste Beitrag, aber es ist schließlich schon spät, ich bin müde, krank und ausgelaugt. Kommt gut in und durch diese Nacht, werdet gesund wach.

André

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