Filmtipp #109: Der große Bluff

Der große Bluff

Originaltitel: Destry Rides Again; Regie: George Marshall; Drehbuch: Felix Jackson, Gertrude Purcell, Henry Myers; Kamera: Hal Mohr; Musik: Frank Skinner; Darsteller: Marlene Dietrich, James Stewart, Jack Carson, Una Merkel, Mischa Auer. USA 1939.

Destry Rides Again
Erst jahrelang die bestbezahlte Frau der Welt, ein Filmerfolg jagte den nächsten, dann beendete Marlene Dietrich 1935 ihre langjährige Zusammenarbeit mit Josef von Sternberg und drehte im Anschluss einen Flop nach dem anderen; »Knight Without Armour« (Regie: Jacques Feyder) und »Angel« (Regie: Ernst Lubitsch) schnitten bei Kritik und Publikum besonders schlecht ab. Als »Kassengift« gebrandmarkt, fand die Aktrice in Hollywood keine Arbeit mehr und kehrte zeitweilig nach Europa zurück. Sie war zunächst skeptisch, als Produzent Joe Pasternak sie aus den Staaten anrief und ihr die Hauptrolle in einem kleinen B-Western bei Universal anbot, ein Remake noch dazu.
     George Marshall ließ den Roman von Max Brand komplett ummodeln und mit einer großen Frauenrolle versehen. James Stewart spielt einen jungen Mann namens Destry, der in seine Heimatstadt Bottleneck, ein dreckiges, kleines Nest im Westen, gerufen wird, um dort Sheriff zu werden — wie einst sein Vater. Zur Verblüffung aller trägt er keinen Colt und wird nicht besonders ernst genommen, auch nicht von der koketten Saloondame Frenchy (Dietrich), die ihm Eimer und Wischlappen überreicht, um die korrupte Stadt zu säubern…

»Destry Rides Again« war ein Bombenerfolg und dürfte heute noch zu den schmissigsten Westernkomödien aller Zeiten zählen. Die Nebendarsteller — Brian Donlevy, Charles Winninger, Irene Hervey, Billy Gilbert, Allen Jenkins, Warren Hymer, Una Merkel, Mischa Auer und Jack Carson — bilden ein harmonierendes Ensemble und sorgen für unbezahlbare Lacher. Der Dietrich bescherte der Streifen ein glanzvolles Comeback — das bis dato größte der Filmgeschichte! —, das gleichzeitig ihr Image veränderte; endlich war es ihr vergönnt gewesen, ein Wesen aus Fleisch und Blut zu spielen, nachdem sie von Sternberg jahrelang zur Göttin stilisiert hatte, makellos und starr wie eine Statue. Als Frenchy zeigte sich Marlene Dietrich komisch und temperamentvoll wie nie zuvor. Besonders eindrucksvoll geriet die berühmte Schlägerei zwischen ihr und Una Merkel im Saloon, die von beiden Schauspielerinnen ohne Doubles gedreht wurde. Sie wurden einfach aufeinander losgelassen und lieferten sich über fünf Drehtage (!) den wohl spektakulärsten Nahkampf zweier Frauen in der Filmgeschichte, der dann (nach etwa drei Filmminuten) von James Stewart mit einem Kübel Wasser jäh beendet wird. Zudem hatte Friedrich Hollaender drei Songs für sie geschrieben, unter anderem natürlich »See What the Boys in the Back Room Will Have«, das später fester Bestandteil ihres Showprogramms werden sollte. Von nun an gab sie in fast jedem ihrer Filme einen oder mehrere Songs zum besten, nicht selten als Bardame.

André Schneider

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