24. März 2013

Seit dem 11. März läuft es für mich — alles in allem — ziemlich mies, ich fühle mich unwohl, ausgelaugt und abgeschoben. Ich werde geprüft. Eine schwierige Zeit, »noch bis Mitte April«, prophezeite mein Astrologe, an deren Ende allerdings ungetrübtes, stabiles Glück seine Arme für mich ausgebreitet hat. Heute ist der 24. März (Markus’ neunter Todestag), ich habe also nunmehr eine dreiwöchige Zeit der Prüfungen vor mir, muss mich durchs Dickicht schlagen und die Dornen der Wildrosenbüsche erdulden, ehe ich mich am Sonnenlicht laben kann. Eine wesentliche, entscheidende Prüfung heißt Distanz. Das vertraute Spiel, in dem ich nie besonders glänzte: auf Abstand gehen, um Nähe zu schaffen.
     In meiner letzten Sitzung bei Dr. F. war es mir kaum möglich, mich klar und schlüssig zu äußern. Ihm fiel die Distanz auf, die ich zu mir habe. Es sei, als schildere ich mein Leben und meine Probleme als ein unbeteiligter Zuschauer, den das alles eigentlich gar nichts anginge, meinte er. Vermutlich stimmt das. Obwohl ich mich durchleuchte, examiniere und wirklich jede Situation gut reflektiere, habe ich offenbar überhaupt keine eindeutige Position zu mir selber, wohl aber den ausgeprägten Drang, mich aggressiv zu verteidigen. Stets in Angriffshaltung, wie ein Igel, der seinen weichen Bauch niemandem zeigen mag und darum sofort auf Konfrontation geht. Um das verstehen zu können, muss man die immerwährenden Verletzungen aus erster Hand kennen. Wissen, wie es sich anfühlt, »geschlachtet« worden zu sein. Diejenigen, die — wie ich — permanent und vehement angegriffen wurden, können das nachvollziehen. Wie schrieb Josephine Hart doch gleich? »Damaged people are dangerous. They know how they can survive.« Wie viel Wahrheit in diesen Worten steckt!
     Die eisigen Temperaturen und die monoton-schneeigen Ausblicke werden durch den Sonnenschein erträglich. Gestern war ein zauberhafter Tag. Wir halfen Nina beim Umzug nach Neukölln und hatten viel Spaß dabei. Wenn man ausreichend Freunde zur Hilfe mobilisieren kann, geht so ein Umzug ja auch tatsächlich rasch. Abends lümmelte ich mit Chelito und einem Freund auf der Couch, trank trockenen Rotwein und sah mir Anjelica Huston in »The Witches« (Regie: Nicolas Roeg) an. Eine düstere Gutenachtgeschichte fürwahr. Aber ja, ich verehre Roald Dahl nach wie vor. Und die Masken von Jim Henson sind zeitlos gruselig.
     Heute werde ich mich durch einige Übersetzungen strampeln und mir abends ein paar Fischstäbchen gönnen. Muss auch mal sein.
     Ein etwas trauriger, etwas einsamer Gruß zum Sonntag, kommt gut in die Woche.

André

Advertisements