6. März 2013

»Ich hab auch noch gute Neuigkeiten«, schrieb mir Thorsten nach Paris. Somit stand meine Rückreise von vornherein unter einem hellen Stern. Und als ich in Tegel landete, glaubte ich, den Berliner Frühling beinahe physisch greifen zu können. Dieses Knistern in der Luft, das nach Knospen und eisblauem Himmel schmeckt. Die gute Nachricht? Wir müssen nicht umziehen, unsere Traumwohnung bleibt uns bis auf weiteres erhalten. Ganze Geröllhaufen fielen uns vom Herzen. Werde nun also mein Zimmerchen richtig wohnlich machen, endlich mein Bett aufbauen, die Wände streichen, Bilder aufhängen, die restlichen Bücherkartons auspacken.
     Thorsten und ich haben schon unser erstes Frühlingslied: »Heaven« von Emili Sandé. Ihr Album hatte ich mir bei fnac in Bercy gekauft, ein Blindkauf sozusagen, ein Glückstreffer. Was für eine Stimme! Stärker als Whitney Houston, gefühl- und kraftvoll, sophisticated pop. Genau richtig, um beschwingt durch die Wohnung zu tanzen. Was ich momentan häufig tue. Kurz vor der 35 schält sich noch einmal der Teenager heraus, will unterhalten werden und die Welt bunt ausmalen. Paris tat mir gut, ja, aber es ist viel, viel mehr als das. Es gibt sie ja, diese seltenen Momente, in denen man ganz deutlich spürt, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Diese raren Begegnungen, die einen Wandel signalisieren. Ihr versteht?

An meinem zweiten Tag an der Seine traf ich mich mit Antony Hickling und Manuel Blanc im Jet Lag, um über unseren Film zu sprechen. Ich war nervös. Mit Antony hatte ich in den vergangenen Monaten oft telefoniert, da bestand eine gewisse Vertrautheit, aber Manuel kannte ich nur aus dem Kino; er hatte 1992 einen César für »J’embrasse pas« (Regie: André Téchiné) gewonnen, und nach unserem gemeinsamen Essen darf ich wohl sagen, dass er in natura noch um Längen aufregender ist als auf der Leinwand. Heute, mit 44, hat er eine erotische Ausstrahlung sondergleichen, und er war sehr flirty. Ich glaube, ich bin sogar rot geworden, als er mir zuzwinkerte.
     Antony traf ich in den folgenden Tagen noch oft. Wir waren fast Nachbarn; ich wohnte bei Martin Freudenstein in der Rue de Charenton, gar nicht weit vom Boulevard Diderot im 12. Arrondissement. Tee mit Antonys süßer Assistentin Siham, um über die Finanzierung zu sprechen. Im Étoile Manquante in der Rue Vieille du Temple stieß dann auch Pascale Ourbih zu uns. Für mich ist es immer ein besondere Erfahrung, sie zu sehen, sie zu beobachten. Das Spiel ihrer Hände, die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihre schlichte Eleganz, ganz ohne Attitüde und Falschheit, ihre Eloquenz und Gewandtheit; ich kann ihr Stunden zuhören.
     Auf dem Boulevard Richard Lenoir traf ich Eric Brulin und seinen Freund Arnaud auf eine infusion verveine, mit Martin schob ich mich über den marché d’Aligre, und ich aß zum ersten Mal andouillette — sie schmeckte köstlich, aber als ich fragte, was es genau sei, antwortete man mir, dass ich das besser nicht wissen sollte, sonst würde mir der Appetit vergehen. Einkaufsbummel für die Familie, unter anderem in einem meiner Lieblingsgeschäfte, dem Sabon in der Rue des Rosiers, wo es die besten Dusch- und Massageöle, Raum- und Textilsprays, Shampoos, Seifen, Cremes und Lotionen gibt, die man sich nur erträumen kann, und wo einem die Verkäuferinnen traditionell die Hände waschen und eincremen. Tee von Kusmi für Barbara, Pralinen von Dalloyau für meinen Vater, einige Filme für mich. Wer gut dinieren möchte, dem empfehle ich an dieser Stelle mein neues Lieblingsrestaurant: Chez Joséphine, Place du Marché Sainte Catherine.

André in Paris

André in Paris

Ansonsten ist die Welt gerade in bester Art und Weise banal. Es ist schade, dass Emmanuelle Riva den Oscar nicht bekommen hat; er wäre auch ein prima Geschenk zu ihrem 86. Geburtstag gewesen. Aber der schnuckeligen Jennifer Lawrence gönnt man ihn auch, oder? Und Katherina Reiche hat unlängst bei Jauch mal wieder ihre mangelhaft auswendig gelernten Textchen abgespult; inzwischen nehmen sie allerdings nicht einmal mehr ihre Parteifreunde ernst. Es gibt also Hoffnung — tröstlich, oder?
     Ich verspreche Euch, mich demnächst mal wieder ausführlicher zu melden. Momentan genieße ich — und ich wünsche Euch, dass Ihr das auch könnt — den Frühling mit all seinen Annehmlichkeiten. Regen, Kälte und Dunkelheit hatten wir doch mehr als genug in den letzten Monaten. Wir haben uns ein wenig Genuss verdient, ein Auftanken der Glücksgefühle, ein sonniges, wonniges Wiederbeleben von Körper und Seele. In den kommenden Wochen wird sich auch beruflich einiges tun, worüber ich Euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten werde.

André

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