3. März 2013

Portrait von André © S. Haas

Portrait von André © S. Haas

Die Scheinwelt der social networks hat, wie praktisch alles, ihre guten und ihre schlechten Seiten. Besonders gut finde ich es, wenn ein sozialer Kontakt von der Schein- in die reale Welt hinüberschwappt. Franz Werner zum Beispiel habe ich über Facebook kennen gelernt, Volker Schwellenberg sowie David Berger nebst Partner ebenso. Über die Freundschaften mit Tilly und Allegra freue ich mich ganz besonders, das waren sofort tiefe, warme, echte Übereinstimmungen. Im letzten Jahr, zwischen Weihnachten und Silvester, lernte ich Michel Ruge kennen, ebenfalls eine jener glücklichen Begegnungen. Er hatte sich zum Kakao angemeldet — »aber bitte nicht zu heiß, ich mag’s nicht, wenn sich Haut bildet« —, und wir saßen etwa eine Stunde zusammen und sprachen über die Dinge des Lebens. Gut, abgesehen davon, dass das Adjektiv »authentisch« inflationär gebraucht und überstrapaziert wird, ist es eines, das im positivsten Sinn auf Michel zutrifft. Ich habe ihn als einen integren Mann erfahren, und ich mag diese mir vertraute norddeutsche Art, unverblümt und offen zu reden. Den spröden Humor nicht zu vergessen. Fast beiläufig erzählte er, dass im Januar sein neues Buch »Bordsteinkönig« erscheinen werde, eine Schilderung seiner schroffen Kindheit in St. Pauli.
     Unlängst sah ich ein Interview mit Sibylle Berg, die behauptete: »Autoren entsprechen ganz oft ihren Büchern. Ich habe mal den Murakami getroffen, der ist ganz genau so wundervoll, so filigran und schön wie seine Bücher. Und ich hab auch mal den Grass getroffen, der ist auch so wie seine Bücher.« — Als ich mir Michels Buch gekauft hatte, hat es mich so ergriffen, dass ich es in einer Nacht ausgelesen habe. Sprachlich in der Nachbarschaft von Ginsberg, Kerouac, Burroughs oder sogar Bukowski angesiedelt, habe ich den »Bordsteinkönig« als einen besonderen literarischen Genuss empfunden. Und ich dachte an den eloquenten, lebensklugen Mann in unserer Küche, der Kakao trinkt und ein verwundbar großes Herz hat. (Wie sang Ulla Meinecke doch gleich? »Ein großes Herz wird leicht schwer.«) »Bordsteinkönig« entspricht ganz und gar seinem Autor — ist also »authentisch« —, und das ist in diesem speziellen Fall das schönste Kompliment, das man einem Buch machen kann. Es ist hart und berührend, man atmet und schmeckt förmlich das Hamburg der Achtziger; eine süßlich schmerzende Nostalgie, die niemals aufgesetzt oder gewollt wirkt; eine Reise ins Erwachsenwerden; ein Abschiedsgruß und eine Liebeserklärung. (Wobei diese Liebe eine kritische ist.) Zu Recht ist der »Bordsteinkönig« in die Bestsellerlisten geklettert. Er hat jeden Erfolg verdient.

Ansonsten hätte ich gern mehr gelesen, aber zwischen Tai Chi, Bewegungsbädern, Wirbelsäulengymnastik, Rückenschule, Krafttraining, der morgendlichen Sportgruppe, Muskelentspannungsübungen und Massagen blieb nur wenig Zeit dazu. Juliette Grécos Autobiographie war alles in allem recht enttäuschend ausgefallen; immerhin gefielen mir die Bilder und einige Bonmots. Andererseits kann Madame Gréco nichts falsch machen, sie ist eine Legende. Ihr Konzert im Admiralspalast, Herbst 2007, war für mich einer jener wenigen Theaterabende, deren sinnliche Voltkraft noch auf Jahre elektrisieren und nachknistern; selbst heute habe ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Abend zurückdenke.
     Die Memoiren von Maximilian Hecker — von dem ich, wie ich gestehen muss, bis zur Lektüre seines Buches nie etwas gehört hatte — machten mich atem- und wunschlos — das heißt: fast wunschlos, denn ich beneide ihn um seine sprachliche Virtuosität, die ich wohl trotz meiner gewissenhaften Arbeit nie erreichen werde.
     Mal wieder ein bisschen in Sam Wassons Buch über »Breakfast at Tiffany’s« (Regie: Blake Edwards) geblättert, Truman Capotes »Sommerdiebe« wiederentdeckt, diesen niedlichen Film mit der Streep und Tommy Lee Jones geschaut, mich über Ratzingers Rücktritt — eine Chance für die Humanität? — gefreut, mit der reizenden Nina Süßmilch ein paar Becher Tee getrunken und mich angeregt unterhalten, lange Telefonate geführt, mich (beinahe) an die Reduktionskost gewöhnt, lange Spaziergänge an der Ostsee gemacht und allabendlich etwa 1700 Meter geschwommen. Abgenommen habe ich — der Herabsetzung auf 1200 Kalorien pro Tag und des straffen Trainingsprogramms zum Trotz — jedoch nicht, dafür ein wenig Brustmuskulatur aufgebaut. Immerhin…
     Bevor ich es vergesse, grüße ich an dieser Stelle die hundekuchenguten Menschen, denen ich während der Kur begegnen durfte: Doris S., Connie, Beate, Anja Keck und Lars, Andreas G., den beunruhigend attraktiven Christof aus Frankfurt, Martin Pf., Florian Bernhard, Mario, Tino, Thomas Hansen, Rudi aus München sowie die süße Frau aus dem Bewegungsbad, die aussah wie Christine Kaufmann. Es war eine prima Zeit mit Euch, und ich denke gern an unsere Gespräche zurück!

Der Kuraufenthalt ließ mich die diesjährige Berlinale verpassen. Traurig bin ich nicht drum. Den einzigen deutschen Beitrag, »Gold« (Regie: Thomas Arslan), kommentierte Else Buschheuer mit dem denkwürdigen Satz: »Die Prärie, die Weite, der alte Westen, und dann steigt nicht Claudia Cardinale aus dem Zug, sondern Nina Hoss.« — Ohnehin bevorzuge ich die überschaubareren Festivals wie in Brüssel oder Paris. Auch bin ich inzwischen erleichtert über jede Dosis Narzissmus, die mir erspart bleibt. Was mir von der Teddy-Verleihung und dem Fehlverhalten eines Kollegen berichtet wurde, langte mir. Sicher, ein »gesunder« Narzissmus und eine Prise Autismus gehören zum Star wie das Fell zum Hund. Nicht, weil der Star es sich wünscht, sondern weil er es zum Überleben braucht. Jeder, der längere Zeit in diesem Beruf arbeitet, wird eine narzisstische Verformung erfahren. Die Frage ist, ob es einem gelingt, sich zu erden und die manischen Auswüchse zu bändigen. Es mag unverständlich klingen, aber die narzisstische Persönlichkeit ist in diesem Beruf weitaus gefährdeter als ein Mensch, der sein Selbstwertgefühl nicht nur durch äußerliche Anerkennung bezieht. Allgemein wird angenommen, alle hübschen Menschen seien eitel. Ich habe oft das Gegenteil beobachtet. Wirklich attraktive Menschen stehen über ihrer Schönheit, sonst würden sie ständig darüber stolpern. Niemand sieht immer gut aus. Einem Narziss wird das einen Schlag versetzen. Sascia Haj, Kerstin Linnartz, Dominique Wolf, Barbara Kowa sind bodenständige Traumfrauen, die eine coole Distanz zu ihrer Schönheit haben. Was ich in der Zeit zwischen 2007 und 2011 gelernt habe: Nicht jeder Star ist ein Narziss und nicht jeder Narziss ein Star. Menschen, Kollegen, Freunde, Partner und Partnerinnen werden »konsumiert«, sind nicht selten Pflaster auf einer Wunde, die nie heilt, denn ein Narziss kann nicht lieben, er sucht nur Spiegel. Die meisten Narzissten, die ich in diesem Beruf kennen gelernt habe, sind entweder suchtgefährdet oder regelmäßige Konsumenten. Ich kann mich nur an wenige Drehs erinnern, die komplett drogenfrei waren; zweimal habe ich erleben müssen, wie »Stars« zugekokst zur Arbeit erschienen — und was Kokain aus Menschen macht, ist immer unangenehm.

Nun denn, mittlerweile bin ich in Paris. Vor mir liegt »Just Kids« von Patti Smith; Nina hat es mir vor meiner Abreise in die Hand gedrückt, nachdem wir festgestellt hatten, dass wir beide bei Pattis denkwürdigem Konzert in der Zitadelle waren und somit, ohne es zu wissen, etwas ganz Besonderes miteinander geteilt haben, schon bevor wir uns kannten. David Bowie ist wieder da, Bosse auch, die Debatten um den täglichen Sexismus nehmen kein Ende, der Frühling stakst mit Riesenschritten und grünen Knospen heran, und ich harre der Dinge, die da auf mich zukommen.
     Kommt hormonell ausgeglichen in den März und fühlt Euch gedrückt. Salut, à très bientôt.

André

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