20. Januar 2013

Unspektakulär der letzte Arbeitstag, das Kofferpacken, die Verabschiedungen, abenteuerlich hingegen die nächtliche Autofahrt im 15 Jahre alten Nissan. Konzentriert lausche ich einem Interview, das Karasek 1993 mit Loriot führte, und sehe besorgt den haferbreidicken Schnee, der über gleichmäßig knatschende Scheibenwischer quillt. Zwischen Hölldesheim und Braunschweig scheint das Schneetreiben in parallel verlaufenden Schichten zu toben; es springt und klotzt über die kleinfenstrigen Häuser, die geduckt jede Witterung ertragen und trotzig auf herabfallende Äste zu warten scheinen. Der Wind führt schrille, hohe Kichertöne mit sich. In der Ferne tanzt ein dämonengerittener, graugischtiger Kreisel, er zerrt einen Schweif mit sich, der sich ineinander verheddert und klatschend auseinander birst. Unterhalb der Dächer wird der Brei undurchlässiger, die Flocken fetter, der Schnee sickert, packt ein, beschränkt die Sicht, wird zum Vorhang, pflastert die Autobahn, um hinter Helmstedt demütig zu verkleckern. Die Sicht klärt sich, als ich auf Magdeburg zusteuere. Dann, irgendwo zwischen Wollin und Potsdam, beginnt bei klarer Sicht das Schlottern ob der Unsicherheit des mich Erwartenden. Grämlich die Ankunft nach zeitintensiver Parkplatzsuche. Fröstelnd und nach Schneckenart gerollt, liege ich keine 20 Minuten später in meinem Bett und bin im Innersten furchtgeschüttelt. Obwohl ausgepowert, todmüde und inbrünstig auf ihn wartend, schaffe ich es nicht, dass mich der Schlaf an sich nimmt. Gleich einer nagelbespickten Dampfwalze überrollen mich die Gedanken an das Ungewisse. Vor allem die uns bevorstehende Wohnungssuche versetzt meine zeternden Organe in actiongeladene Panik; zum 1. Mai müssen wir eine neue Bleibe gefunden haben, und wir sind beide die kommenden zwei Monate nahezu ununterbrochen unterwegs. Ich wünschte mir Thorstens Gelassenheit, diese charmant-beneidenswerte Unbedarftheit und Ruhe.
     Tags darauf, in einem der trostlos-düsteren Wartezimmer von Arzt oder Arbeitsamt, frage ich mich, ob das ewig so weitergehen wird, und die Antwort, die mir wohl bewusst ist, gefällt mir ganz und gar nicht. »Die Dunkelheit, sie setzt mir zu«, denke ich. Ich möchte Frühlingsgrün sehen, den nächsten quittegelben, semmelblonden Sommer, die langen, miniberockten Beine der Mädels, die menschengefluteten Rasenflächen der Parks, nächtliches Biergartengeschnatter hören, barfüßig oder in Sandalen nach einem Theaterabend oder Konzert bei einem Nachtspaziergang die Juliluft schmecken.
     »Als WG werdet ihr keine Wohnung finden«, sagt Sebastian abends. Zu spät bemerkt er, dass seine Äußerung Panik auslöst und schiebt hoffnungsdüngend nach: »Jedenfalls nicht im Innenstadtbereich.«
     »Ich würde auch nach Spandau, Treptow, Köpenick oder Pankow ziehen.«
     »Pankow ist groß. Buch gehört offiziell auch zu Pankow. Aber Spandau ist schön, liegt an der Havel.«
     »Eine Freundin von Thorsten wohnt in Frohnau. Sie meinte neulich, sie bräuchte jetzt mit der S-Bahn auch nur eine Viertelstunde länger in die Innenstadt. Ich kenne Frohnau, es ist richtig schön, alles grün, fast dörflich, und trotzdem ist man noch in Berlin.«
     »Was sagt Thorsten dazu?«
     »Er sagt, die westlichen Bezirke seien nichts für ihn, und ich kann das verstehen. Ich weiß nur nicht, ob oder wie wählerisch wir noch sein können oder dürfen. Seit 2010 bin ich permanent auf Wohnungssuche und inzwischen recht desillusioniert.«

Der Samstagmorgen beginnt mit Wut auf die — so scheint es — immer radikaler werdende Kirche, die zu einer schleichenden Bedrohung geworden ist. Ein Kölner Krankenhaus unter katholischer Trägerschaft weist Vergewaltigungsopfer ab, die Klärung versprechenden Untersuchungen zu den Missbrauchsfällen wurden abgebrochen, die katholische Kirche möchte das Problem augenscheinlich aussitzen und leugnet weiter alles, was nicht in ihr verqueres Weltbild passt: Priester haben keine Sexualität, Vergewaltigung gibt es nicht, Kindesmissbrauch gibt es nicht, den Holocaust gab es nicht, Schuld sind letztlich und endlich die Juden, die Homosexuellen, die Ungläubigen, die Reformer. Dank David Berger und dem Gmünder Verlag ist kreuz.net zwar passé, aber die Macher und ihre Glaubensbrüder sind andernorts noch immer aktiv. Das ist wie mit der NPD: Sollte sie jemals verboten werden — was einerseits natürlich mehr als wünschenswert wäre! —, werden die Mitglieder sich auf unzählige Splittergruppen verteilen, versprengt werden, und wären letzten Endes noch ungreifbarer und schwerer zu kontrollieren; ein kotzbrauner, elender, Pessimismus heischender Teufelskreis.
     Wochenendeinkäufe mit freudloser Miene. Die Gedanken, in Ei und Mehl gewälzt, sind panierfertig und stieren einem traurig verdusselten Sonntag entgegen, der nur magere Abwechslung bieten wird.
     Euch jedenfalls wünsche ich einen ausgeruhten, einen angenehmen Wochenendausklang.

André

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