Filmtipp #81: Das Irrlicht

Das Irrlicht

Originaltitel: Le feu follet; Regie: Louis Malle; Drehbuch: Pierre Drieu La Rochelle, Louis Malle; Kamera: Ghislain Cloquet; Musik: Erik Satie; Darsteller: Maurice Ronet, Léna Skerla, René Dupuis, Yvonne Clech, Jeanne Moreau. Frankreich 1963.

Le feu follet

Es gibt wenige Regisseure, die es fertig brachten, im Laufe ihrer Karriere keinen einzigen schlechten Film zu machen. Ingmar Bergman zum Beispiel, Roman Polanski, Claude Sautet, Jules Dassin oder eben Louis Malle. Selbstverständlich war nicht jeder seiner Filme ein Erfolg, im Rückblick jedoch war nicht ein einziger Fehltritt dabei. Wie sagte Edgar Varese so treffend: »Un artiste n’est jamais en avance sur son temps, mais beaucoup des gens sont largement en retard sur le leur.« (zu Deutsch: »Ein Künstler ist niemals seiner Zeit voraus, aber viele Menschen sind ihrer weit hinterher.«) Auf Louis Malle trifft diese Weisheit auf jeden Fall zu.
     Malle war gleichzeitig Vorreiter und Außenseiter der nouvelle vague, er ließ sich nicht festlegen, weder auf ein Genre, noch auf ein Land. Er drehte verspielt-leichte Komödien, geradezu literarische Dramen und handfeste Thriller, arbeitete in England, Indien, Frankreich, den USA. Eines seiner Leitthemen war — ganz im Geiste der Existentialisten — die Einsamkeit und die Verlorenheit des Individuums, seine Helden waren (wie er selbst) Einzelgänger, Abenteurer, sehnsüchtig Suchende, somnambule Traumwandler und Romantiker. Hier habe ich bereits über »Damage« (1992), seinen vorletzten Film, geschrieben, und auch »Le combat dans l’île« (Regie: Alain Cavalier), hier rezensiert, trug deutlich Malles Handschrift.
     Mit Jeanne Moreau drehte er drei Meisterwerke: Seinem phänomenalen Debüt »Ascenseur pour l’échafaud« (1957) folgten noch »Les amants« (1958) und »Le feu follet« (1963), um den es heute gehen soll.

»Le feu follet« ist das höchst emotionale, aber niemals sentimentale Portrait eines Pariser Bohémiens, der mit seinem Leben abgeschlossen hat: In unterkühlten, distanzierten Bildern schildert Malle die letzten 48 Stunden im Leben von Alain Leroy (eindrucksvoll: Maurice Ronet), einem Alkoholiker, der mit Anfang 30 bereits vor den Trümmern seines Lebens steht, dessen Integrationsversuche allesamt an der Kälte und Anonymität seiner Umwelt und seiner Mitmenschen scheitern. Rasterhaft reiht Malle eine enttäuschende Begegnung an die andere: Der ehemalige beste Freund von einst ist ein selbstgefälliger Familienvater geworden, der für Alains Situation kein Verständnis mehr aufbringen kann, der Wunsch auf Zuflucht wird ihm von einem weiteren Bekannten verwehrt, der den Ernst seiner Lage verkennt. Am nächsten Morgen erschießt sich Alain.
     Malle und Ronet gelingt, kongenial unterstützt durch die vorzügliche musikalische Untermalung Erik Saties, eine Odyssee in das Innenleben eines tief zerbrechlichen Menschen, der oberflächlich betrachtet »alles« hat: Alain ist beruflich durchaus erfolgreich, ist ein Frauentyp, gut aussehend, charmant und dank seines Esprits in der Pariser Gesellschaft beliebt und angesehen. Seine Zerrissenheit, die hinter dieser Fassade ihr Unwesen treibt, offenbart sich jedoch schnell. Alain neigt zu Melancholie, Schwermut und Selbstmitleid, ist depressiv und sucht Trost im Alkohol. Nach der Entziehungskur in einer Privatklinik außerhalb von Paris hat er zwar seinen Alkoholismus (scheinbar) überwunden, ist aber weiterhin den Unsicherheiten des Lebens außerhalb der Klinik nicht gewachsen.

Louis Malle befand sich Anfang der Sechziger in einem ähnlich desolaten Zustand wie Alain: Der in Eigenproduktion entstandene Film »Zazie dans le métro« (1960) hatte sich als finanzieller Reinfall erwiesen, die nachfolgende Auftragsarbeit »Vie privée« (1962) mit der Bardot missfiel nicht nur dem Publikum, sondern auch der Kritikergilde. Laut eigener Aussage fühlte sich Malle als Mensch und Filmemacher in Frage gestellt. Der mysteriöse Unfalltod des Romanciers Roger Nimier, mit dem Malle während der fünfziger Jahre für »Ascenseur pour l’échafaud« eng zusammengearbeitet hatte, war der endgültige Auslöser für diesen aufwühlend-melancholischen Film. Sein Regieassistent war damals übrigens Volker Schlöndorff, der kurz darauf seinen ersten Film »Der junge Törless« (1965) realisierte. »Le feu follet« erhielt 1963 bei den Filmfestspielen in Venedig den Spezialpreis der Jury und wurde außerdem als bester ausländischer Film des Jahres mit dem Preis der italienischen Filmkritik bedacht.

André Schneider

Advertisements