Filmtipp #80: Shame

Shame

Originaltitel: Shame; Regie: Steve McQueen; Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan; Kamera: Sean Bobbitt; Musik: Harry Escott; Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, Nicole Beharie, James Badge Dale, Lucy Walters. GB 2011.

Shame

Jene, die »Shame« als klassische Erzählung begreifen, werden enttäuscht sein. Der Film erzählt keine Geschichte im eigentlichen Sinne, es gibt keinen Handlungsbogen. Vielmehr ist McQueens Yuppie-Drama eine rigorose Psychostudie eines kaputten Mannes, das Protokoll einer ausweglosen Suchterkrankung und das Portrait einer aalglatten Gesellschaft, deren Individuen durch die Kommerzialisierung und grenzenlose Verfügbarkeit der Lust gleichzeitig überfordert und abgestumpft sind. Die Bilder, das Ambiente erinnern nicht von ungefähr an »American Psycho« (Regie: Mary Harron). Hier wie dort geht es um den Konflikt zwischen Gefangenschaft — oder besser: Domestizierung — und der unterdrückten animalischen Natur, die sich — auch gewaltsam — neue Wege sucht. Die geleckten, perfekt durchgestylten Apartments, bar jeder Häuslichkeit, jedes Gefühls, ohne Persönlichkeit, austauschbar, ekelhaft schön — und die darin lebenden (kann man wirklich von »leben« sprechen?) Menschen, die ebenso perfekt gekleidet, kultiviert, gleichbleibend höflich sind, die zwar atmen, aber doch zu ersticken drohen, deren einzige Bastion der betörende, vergängliche Schein einer Karriere ist. In »American Psycho« führt eben jener Kampf zwischen Kultur und Natur zu einem Blutbad, in »Shame«, elf Jahre später entstanden, ist das Töten gar nicht mehr nötig, die glasig-schöne Welt ist bereits von Anzug tragenden, miniberockten Zombies bevölkert. Hinter der oberflächlichen Fassade des beruflichen Erfolgs gähnt ein tiefer, schwarzer Abgrund, eine Wüstenlandschaft der Einsamkeit und Kälte. Der von Michael Fassbender gespielte Brandon, ein Mann der Generation IMM (»irgendwas mit Medien«) und etwa 35 Jahre alt, ist bereits lange vor Filmbeginn in die Abwärtsspirale der Sucht gerutscht. In den Achtzigern wäre es vermutlich Kokain gewesen, 2011 braucht es keine Drogen mehr: Brandon ist sexsüchtig. Sein Job gibt seinem Dasein einen Rahmen, einen richtigen Halt hat er jedoch nicht, die Kontrolle ist ihm lange schon entglitten. Tagein, tagaus ist alles auf die Befriedigung seiner Sucht ausgelegt, seine Festplatten sind mit Pornographie verseucht, zwischen dem Onanieren unter der Dusche bis zum schnellen Fick mit einer Prostituierten liegen zwar oft nur Stunden, die aber sind für ihn kaum zu ertragen, da seine sexuellen Phantasien ihn nie zur Ruhe kommen lassen. Befriedigung oder gar Glück gibt es in seiner Welt nicht, es ist eine lustlose Lust, der er hörig ist, ein trauriger Zwang, der ihn von seiner Umwelt isoliert. Freundschaften hat er keine, und seine längste Beziehung zu einer Frau, so erfährt der Zuschauer später, dauerte vier Monate. In einer der traurigsten Szenen erleben wir, wie Brandon ausgerechnet mit der Frau, für die er sich »etwas mehr« interessiert, blockiert ist und nicht mit ihr schlafen kann.
     Dem sich gegen alle Gefühlsbindungen abschottenden Brandon stellt Regisseur McQueen die geradezu explosive Sissy (Carey Mulligan) gegenüber, Brandons Schwester. Ihr Auftauchen sprengt Brandons routinierten Tagesablauf, auf einen Schlag ist sein Leben aus den Fugen geraten. Sissy fordert Aufmerksamkeit und Liebe ein — praktisch von jedem, der ihr begegnet. Auch sie hat massive Probleme; sie rennt mit offenen Armen durch die Welt, nach Liebe dürstend, beinahe manisch, sich verschenkend, verausgabend. Er hat das Gefühl, für seine Schwester da sein und sie beschützen zu müssen — und stellt fest, dass er das gar nicht mehr kann. Sucht hat immer mit dem Wunsch zu tun, zu vergessen. Der Fakt, dass man nicht vergessen, sondern nur verdrängen kann, lässt Brandon so leiden. Was genau er zu vergessen sucht, erfahren wir nicht, wir bekommen nur eine vage Ahnung: »Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur von einem schlechten Ort«, hören wir Sissy in einer Szene auf Brandons Anrufbeantworter schluchzen. Mehr müssen wir auch gar nicht wissen.
     Steve McQueen und seine Co-Autorin Abi Morgan zeichnen in »Shame« eine tieftraurige Welt ohne Hoffnungsschimmer. Der einzige Ausweg — die freundschaftliche Fürsorge und Liebe zwischen den Geschwistern — wird nicht genutzt. Mit seiner Verlorenheit konfrontiert, übergibt sich Brandon der Nacht, streunt wie ein Köter durch Kneipen, Schwulenbars und Puffs, ein schwarzer, strudelartiger Rausch zwischen Erniedrigen und Erniedrigung. Das Vergessen wird ihm nie gelingen. Und wahre Intimität, Zugehörigkeit, Liebe wird es für ihn — bei allen sexuellen Exzessen — nicht mehr geben.

Filmisch beeindruckt vor allem McQueens Mut: In Zeiten, da die Zuschauer schon nervös werden, wenn nicht alle drei bis fünf Sekunden geschnitten wird, lässt er die Kamera minutenlang auf den Protagonisten ruhen. Die Schlüsselszene, in der Carey Mulligan »New York, New York« singt — die hypnotischste, traurigste, schönste Version dieses abgedroschenen Gassenhauers —, erzählt er in nur vier Einstellungen und fünf Schnitten in fünf Minuten; die sechsminütige Szene, in der Brandon und Sissy vor dem Fernseher sitzen, wurde in einer einzigen Einstellung gedreht, ohne Schwenks, ohne Schärfenverschiebungen. Die verblüffende Stilsicherheit McQueens, die elegische, streicherlastige Musik von Harry Escott, die erlesenen, perfekt durchkomponierten Bilder Sean Bobbitts, Joe Walkers exquisiten Schnitte machen »Shame« zu einem wirklich meisterhaften Stück Kino.
     Meines Wissens hatte nicht ein Rezensent, der über »Shame« schrieb, keine lobenden Worte für Michael Fassbender, dessen drastische Darstellung ihm verdientermaßen den Darstellerpreis in Venedig eintrug. Die äußerst glückliche Partnerschaft von McQueen und Fassbender brachte 2008 bereits das nicht minder aufregende Drama »Hunger« hervor. Mit »Shame« gelang Regisseur und Hauptdarsteller ein wahres Kunststück, das jede Würdigung verdient hat. Wundervoll auch das hingebungsvolle, gefühlsgeladene Spiel Carey Mulligans, die zu den bemerkenswertesten jungen Schauspielerinnen Englands gehört. Stimulierend schön, wenn eine Schauspielerin sich mit einer solchen Verve in ihre Rollen wirft, wie Mulligan es tut. Ihr Spiel in »Shame« ist klein, intim und tief berührend. Keine Nuance ihrer Mimik, keine Änderung des Tonfalls, des Tempos ist überflüssig, jede Regung motiviert und wichtig. Glaubhafter kann ein Spiel nicht sein.
     Alles in allem gehört »Shame« — neben »We Need to Talk About Kevin« (Regie: Lynne Ramsay) und »Skyfall« (Regie: Sam Mendes) — für mich zu den besten Filmen des Kinojahres 2012.

André Schneider

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