Filmtipp #78: Im Geheimdienst Ihrer Majestät

Im Geheimdienst Ihrer Majestät

Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service; Regie: Peter Hunt; Drehbuch: Richard Maibaum, Simon Raven; Kamera: Michael Reed; Musik: John Barry; Darsteller: George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat. GB 1969.

On Her Majesty's Secret Service

Die Aufregung steigt! Der grandiose Song von Adele schürt seit seiner Veröffentlichung am 26. Oktober die ohnehin schon überbordende Vorfreude stetig. Am Donnerstag startet mit »Skyfall« (Regie: Sam Mendes) der 23. — und, wenn man der Weltpresse glauben darf, aufwendigste — Bond-Film in den Kinos. Mit den beiden inoffiziellen Bond-Abenteuern »Casino Royale« (Regie: John Huston, Ken Hughes, Val Guest, Robert Parrish & Joseph MacGrath) und »Never Say Never Again« (Regie: Irvin Kershner) entstanden also in 50 Jahren 25 Filme, darunter kein einziger, der nicht unterhaltsam war, kein schwaches Glied in der Kette. Seit dem Startschuss mit »Dr. No« (Regie: Terence Young) hatten die rührigen Produzenten Saltzman und Broccoli stets (erfolgreich) auf dieselbe Rezeptur vertraut: coole Drinks, heiße Frauen, schnelle Autos, exotische Schauplätze, geniale, dem Helden ebenbürtige Schurken, wilde, perfekt choreographierte Actionsequenzen, die besten Anzüge, Uhren und Accessoires, understatement und Klasse, Humor und Spannung — 007 ist einfach geil!
Für mich persönlich ist James Bond ein ganz eminenter Teil meiner Kindheit. Ich erinnere mich an aufregende Fernsehabende mit meinen Eltern, an Gert Fröbe als Goldfinger, an von Lotte Lenya oder Curd Jürgens gespielte Bösewichte, an die rassige Karin Dor, die im Piranha-Becken ihr Ende findet, an Verfolgungsjagden unter Wasser oder auf Skiern, an Namen wie Pussy Galore oder Honey Rider, an den tollen Sean Connery (der mir bis heute der liebste Bond geblieben ist) und vor allem an den Einfallsreichtum des Erfinders Q, der den Geheimagenten mit den aberwitzigsten Spielzeugen ausstattete. Für Roger Moore konnte ich mich nie so ganz erwärmen, die beiden Auftritte Timothy Daltons habe ich komplett verdrängt oder vergessen. Seit Ende des Kalten Krieges funktionieren die Bond-Filme für mich nur noch eingeschränkt. Früher war das Feindbild so schön klar, der Fall des eisernen Vorhangs machte Bond über Nacht zum Relikt einer vergangenen Zeit. Die Bösen sind heute keine Weltmächte mehr, sondern (meistens) Terroristen, die die Polkappen schmelzen lassen wollen. Da das eh passiert, funktioniert das mit der Bedrohung (für mich jedenfalls) nicht mehr. Dennoch schaue ich mir jeden neuen Bond im Kino an. Brosnan war mir etwas zu weich, zu glatt, zu feminin, Daniel Craig ist mit seinen dreckig-verruchten Untertönen dafür umso schärfer. Die neuen Bonds sind nach wie vor exzellente Unterhaltung, man wird immer noch für zwei kurzweilige Stunden in eine andere Welt entführt, die Schauwerte sind enorm, die Actionszenen fast episch, die Ausstattung perfekt. Bond rocks!
Ursprünglich hatte ich vor, rechtzeitig zum Kinostart von »Skyfall« hier meine fünf Lieblings-Bonds vorzustellen — ein Vorhaben, das ich aus Zeitgründen leider verwerfen musste. Stattdessen werde ich mich heute einem vergleichsweise geschmähten Bond-Film widmen: dem einzigen, in dem der legendäre Spion von dem Australier George Lazenby dargestellt wurde. »On Her Majesty’s Secret Service« wurde in der Vergangenheit oft Unrecht getan, das würde ich heute gern ein wenig revidieren. (Immerhin handelt es sich hier um meinen zweitliebsten Bond-Film.)

Auf einer portugiesischen Küstenstraße wird James Bond in seinem Aston Martin rasant überholt. Er verfolgt den Wagen und entdeckt ihn schließlich verlassen an einem Strand, die Fahrerin ist auf dem Weg ins Meer. Bond hindert die junge, schöne Frau daran, sich zu ertränken und stellt sich vor: »Mein Name ist Bond. James Bond.«
Prompt wird er von zwei Männern angegriffen. Die Schnitte dieser Kampfszene gehören zu den fulminantesten der Filmgeschichte — an Rasanz und Perfektion unübertroffen bis heute. Natürlich gewinnt Bond den ungleichen Kampf, doch muss er aus der Ferne zusehen, wie die von ihm gerettete Frau abhaut: »Das wäre dem anderen nie passiert«, flappst George Lazenby ironisch in Anspielung auf Sean Connery.
In dem nun folgenden, wie gewohnt von Maurice Binder entworfenen kunstfertigen Titelvorspann sieht man Szenen aus den vorherigen fünf Bond-Filmen, die in einer Sanduhr verrinnen. Zum ersten Mal seit »Dr. No« wird kein schmissiger Titelsong geschmettert, die Zeichen stehen auf Neuanfang. In »On Her Majesty’s Secret Service« ist alles ein bisschen anders. In diesem Film wird der Zuschauer erstmalig etwas über den Charakter des Geheimagenten erfahren, und zum ersten Mal nimmt dieser es auch mit der Liebe ernst und heiratet. Die Liebesgeschichte ist somit auch Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.
In seinem Hotel erfährt der Doppelnull-Agent den Namen der geretteten Schönen: Comtessa Teresa di Vincenzo, genannt Tracy, Tochter des korsischen Mafia-Bosses Draco (Ferzetti). Im Casino Estoril begegnen sich die beiden erneut und verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen — Tracy hat das Zimmer still und heimlich verlassen — wird Bond entführt und zu Marc Ange Draco gebracht, der sich für die Rettung seiner einzigen Tochter bedankt und ihm den Vorschlag unterbreitet, sie zu heiraten. Draco glaubt, dass sie damit ihre emotionale Instabilität und Todessehnsucht überwinden kann. Er bietet Bond im Falle einer Heirat eine Mitgift von einer Million Pfund in Gold an, die dieser jedoch ablehnt. Stattdessen möchte er gern den Aufenthaltsort Blofelds (Savalas) erfahren, dem Oberhaupt der Verbrecherorganisation SPECTRE.
Die Suche nach Blofeld führt Bond zunächst nach Bern, dann auf den Gipfel des (fiktiven) Piz Gloria, wo der Erzschurke einen ehemaligen Sportclub eine Forschungseinrichtung umwandeln ließ. In der Verkleidung des Sir Hillary Bray trifft 007 dort auf zehn schöne Frauen (mit dabei: Angela Scoular, Catherine Schell und Joanna Lumley), die mittels Hypnose ohne ihr Wissen darauf trainiert werden, auf ein Funksignal hin in der ganzen Welt Krankheitserreger zu verbreiten. Bond kann es (natürlich) nicht lassen, gleich mit mehreren dieser Damen anzubändeln, wodurch seine Tarnung auffliegt. Auf Skiern kann er, verfolgt durch Blofelds Handlanger, entkommen und landet in Mürren, wo er auf Tracy trifft, die seinen Aufenthaltsort durch ihren Vater erfahren hat und ihm gefolgt ist. Auf der Flucht wird Tracy von Blofelds Männern ergriffen und verschleppt. Mit Dracos Hilfe gelingt es Bond, in einer spektakulären Aktion, die Geliebte zu befreien und den Sender auf dem Piz Gloria zu zerstören, damit die Erde vor dem Ausbruch der Seuche sicher ist. Damit durchkreuzt er Blofelds Pläne, die Regierungen dieser Welt mit biologischer Kriegsführung zu erpressen.
Bond und Tracy heiraten in Portugal. Auf dem Weg in die Flitterwochen stoppen sie kurz, um die Blumendekoration am Wagen zu entfernen. In diesem Augenblick fährt ein Auto vorbei: Blofeld am Steuer, seine Handlangerin Irma Blunt (Steppat) mit einer Maschinenpistole auf dem Rücksitz. Sie schießt aus dem fahrenden Wagen auf die Frischvermählten. Bond konnte sich ducken, Tracy jedoch wurde durch einen Kopfschuss getötet. Weinend hält James Bond seine tote Frau im Arm.

Das tragische, atypische Ende dieses ersten in Stereo aufgenommenen Bond-Streifens verleiht ihm eine emotionale Tiefenwirkung, die kein anderer Bond vor- oder hinterher hatte.
Oft wird fälschlicherweise behauptet, »On Her Majesty’s Secret Service« sei ein finanzieller Reinfall gewesen, doch er war alles andere als das: Den Produktionskosten von rund sieben Millionen US-Dollar stand ein Reingewinn von rund 32 Millionen gegenüber, was zwar deutlich unter dem lag, den der vorhergegangene Bond »You Only Live Twice« (Regie: Lewis Gilbert) eingefahren hatte (72 Millionen Dollar), sich aber dennoch mehr als sehen lassen konnte.
Mit einer Laufzeit von fast 140 Minuten war das sechste Bond-Abenteuer das bis dato längste. Dass der Fokus stärker auf der Liebes-, als auf der Agentengeschichte lag, war eine Neuerung. Wenn ein womanizer wie James Bond vor den Altar tritt und sesshaft wird, muss diese Frau schon eine ganz besondere sein. Die Deneuve sagte ab, weil sie das Etikett »Bond Girl« entwürdigend fand, und Brigitte Bardot zog es vor, mit Sean Connery den Western »Shalako« (Regie: Edward Dmytryk) zu drehen (der ein Riesenflop wurde). Es tut fast weh, sich eine der beiden als Tracy vorzustellen. Diana Rigg, damals gerade frisch als Emma Peel aus der TV-Serie »The Avengers« ausgestiegen, war nicht nur auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, sie war auch die perfekte Schauspielerin für diesen Part, gleichzeitig stark und zerbrechlich, schön und robust, humorvoll und klug. Dass ihr Tod am Ende ein solcher Schock ist, hat mit eben dieser Qualität zu tun, die ihren französischen Kolleginnen völlig abging. Leider war Diana Rigg selber unzufrieden mit diesem Film und äußerte sich später negativ über ihre Rolle, deren Kostüme, die Regie und ihren Co-Star.
George Lazenby, mit 29 Jahren bei Drehbeginn der jüngste Bond-Darsteller aller Zeiten, hatte keinerlei schauspielerische Erfahrung vorzuweisen. Er war Fotomodell — damals das bestbezahlte männliche Model Europas — und hatte in ein paar Werbespots für Schokolade vor der Kamera gestanden. (Vor ihm war die Rolle unter anderem Adam West, Roy Thinnes, John Richardson, Timothy Dalton (!) und Roger Moore (!!) angeboten worden.) Lazenby schlug sich schauspielerisch mehr als gut — Produzent Broccoli behauptete später, dass er, wenn er nicht das Handtuch geworfen hätte, der beste Bond aller Zeiten hätte werden können —, war aber leider nicht gerade einfach im Umgang. Der plötzliche Erfolg stieg dem Ex-Model zu Kopf, Teammitglieder sprachen später von »traumtänzerischem und angeberischem Verhalten«. Er sprach von einer großen schauspielerischen Zukunft und sah diese nicht in weiteren Bond-Produktionen, über die er sich despektierlich äußerte. In den folgenden Jahren wurde oft behauptet, Saltzman und Broccoli hätten Lazenby wegen seiner Allüren gefeuert, in Wahrheit aber kündigte er die Zusammenarbeit in dem festen Glauben, er würde nun als neuer Sean Connery mit Angeboten überhäuft werden — ein fataler Irrglaube. Ab 1970 war der verheiratete Familienvater die meiste Zeit unbeschäftigt. (Unter der Regie von Aldo Lado gab er 1972 in dem giallo »Chi l’ha vista morire« eine weitere Glanzvorstellung, die beste seiner kurzen Karriere; ein weiterer vergessener Film, den man endlich würdigen sollte.)
Egal, wie anstrengend Lazenby hinter der Kamera gewesen sein mag: Vor der Kamera sind ihm einige wirklich große Momente gelungen. Man denke nur an die humorvollen Szenen mit Miss Moneypenny oder die Konfrontation mit Blofeld. Vor allem die tragische Schlusssequenz forderte schauspielerische Finesse, die er einwandfrei bewies. Peter Hunt, der bei »On Her Majesty’s Secret Service« erstmalig in einem Regiestuhl Platz genommen hatte (zuvor war er Cutter gewesen und hatte u. a. »Dr. No«, »From Russia With Love« (Regie: Terence Young) und »Goldfinger« (Regie: Guy Hamilton) geschnitten; Broccoli und Saltzman wollten sich mit diesem Regieauftrag für seine Dienste erkenntlich zeigen), drehte zwei Versionen dieser Szene. Beim ersten Take weinte Lazenby, dann wurde entschieden, dass »ein James Bond nicht weint«, und ein zweiter Take ohne Tränen gedreht.
Darüber hinaus bestand George Lazenby darauf, all seine Stunts selber zu machen. (Lediglich die Skiszenen mussten aus versicherungstechnischen Gründen gedoubelt werden.) Bei einem seiner Einsätze brach sich der Schauspieler den Arm. Im Audiokommentar der DVD drückt Hunt seinem Hauptdarsteller noch einmal seine Hochachtung für dessen Einsatz und seine darstellerischen Qualitäten aus.

Sean Connery hatte 1961 einen Vertrag über sechs Bond-Filme abgeschlossen. Niemand — weder er, noch die Produzenten — rechnete mit dem stetig wachsenden kommerziellen Erfolg der Reihe. Connery wurde zum Superstar, das öffentliche Interesse wurde immer größer, er nur noch als 007 wahrgenommen. 1964 schon beschwerte er sich bei den Produzenten Saltzman und Broccoli über die von Film zu Film länger dauernden Dreharbeiten und seinen mangelnden Anteil am wirtschaftlichen Erfolg der Reihe. Die Produzenten richteten Connery zuliebe eine längere Pause zwischen »Thunderball« (Regie: Terence Young) und »You Only Live Twice« ein, damit dieser sich auch anderen Filmprojekten widmen konnte, und auch seine Gage wurde leicht erhöht. Als der Dreh zu »You Only Live Twice« sich dann jedoch wieder mehr und mehr in die Länge zog, kam es erneut zu Streitigkeiten, und Connery erklärte bei der Welturaufführung des Films am 12. Juni 1967 öffentlich, dass er künftig nicht mehr als 007 zur Verfügung stehe.
Nach Lazenbys Ausscheiden wurde Connery von Saltzman und Broccoli für »Diamonds Are Forever« (Regie: Guy Hamilton) regelrecht umworben: Das Produzenten-Duo zahlte dem Schotten eine Gage von 1,5 Millionen US-Dollar, sicherte ihm eine prozentuale Beteiligung am Einspielergebnis zu, versprach ihm, dass eine Drehzeit von 18 Wochen nicht überschritten werde und gab ihm die Möglichkeit, im Anschluss zwei Filme seiner Wahl zu machen.

Acht Monate wurde an »On Her Majesty’s Secret Service« gedreht. Begonnen wurde am 21. Oktober 1968 in den Pinewood Studios in London, der letzte Drehtag war der 23. Juni 1969; der Drehplan wurde um 58 Tage überzogen. Zwischen Praia de Guincho, Lissabon, Bern, Lauterbrunnen, Mürren und dem Schilthorn gedreht, beeindrucken heute vor allem die Skiszenen von Willy Bogner. Für diese waren eigens neue Kameraausrüstungen entworfen worden — und auch noch höchst unkonventionell eingesetzt: Bogner raste rückwärts fahrend den Abhang hinunter und filmte dabei die Verfolgungsjagden.
»On Her Majesty’s Secret Service« hielt sich vier Wochen auf Platz 1 der US-Kinocharts und war der zweiterfolgreichste Film, der im Jahr 1969 startete. Der von John Barry komponierte Song »We Have All the Time in the World« wurde von Louis Armstrong gesungen und wird im Film während der Anbahnung der Liebesgeschichte zwischen Bond und Tracy gespielt. Im Gegensatz zu den vorherigen Bond-Songs war dieser Titel kein kommerzieller Erfolg. Es war übrigens der letzte Song, den Armstrong aufnahm; er verstarb 1971. Erst nach seinem Tod erklomm »We Have All the Time in the World« die italienischen Charts.

André Schneider

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