Filmtipp #72: Alles für die Katz

Alles für die Katz

Originaltitel: That Darn Cat!; Regie: Robert Stevenson; Drehbuch: Gordon Gordon, Mildred Gordon, Bill Walsh; Kamera: Edward Colman; Musik: Bob Brunner; Darsteller: Hayley Mills, Dean Jones, Dorothy Provine, Roddy McDowall, Elsa Lanchester. USA 1965.

That Darn Cat!

Hayley Mills, die jüngste Tochter des englischen Film- und Theaterstars John Mills, war in den Sechzigern der Kinderstar der Disney-Studios. Nach ihrem bemerkenswerten Debüt in dem düsteren Gangsterkrimi »Tiger Bay« (Regie: J. Lee Thompson), in dem sie Seite an Seite mit ihrem Vater und Horst Buchholz spielte, wurde die 13jährige von Walt Disney persönlich unter Vertrag genommen. Gleich ihre erste Disney-Produktion, David Swifts »Pollyanna« (1960), wurde ein Riesenerfolg und brachte Hayley einen Juvenile Award, den bis 1960 regelmäßig vergebenen »Kinder-Oscar«, ein. (Sie und ihr Vater waren somit das erste Vater-Tochter-Oscarpreisträger-Paar der Filmgeschichte; Hayley war zugleich der letzte Kinderstar, der mit einem Juvenile Award bedacht wurde.) Ihr nächster Film, wieder unter der Regie von David Swift, war »The Parent Trap« (1961), eine US-Version von Erich Kästners »doppeltem Lottchen« — wieder ein Hit. Es folgten »In Search of the Castaways« (Regie: Robert Stevenson, 1962), »Summer Magic« (Regie: James Neilson, 1963) und der charmant-altmodische Abenteuerfilm »The Moon-Spinners« (Regie: James Neilson, 1964), der trotz seiner illustren Besetzung (Eli Wallach, Joan Greenwood, Irene Papas, Peter McEnery, Pola Negri) und den exotischen Schauplätzen (Griechenland) floppte und heute fast vergessen ist.
     Ihr letzter Film für Walt Disney wurde 1965 »That Darn Cat!«, um den es heute gehen soll. Ein kleines Juwel, etwas altbacken und angestaubt vielleicht, aber mit nach wie vor köstlichen Dialogen, einem jazzig swingenden Soundtrack (den Titelsong singt Schmusesänger Bobby Darin), spielfreudigen Schauspielern und bewundernswert agierenden, wunderschönen Vierbeinern — keine Animationen, keine Effekte, einfach nur gut dressiert und choreographiert. Der Titelheld, der blauäugige Siamkater DC, ist ein Frechdachs, der es faustdick hinter den Ohren hat und an dem man sich überhaupt nicht satt sehen kann.

»That Darn Cat!« ist eine familientaugliche, perfekt durchgestylte und -choreographierte Krimikomödie: DC, der in der deutschen Synchronfassung Tiger heißt, schleicht Nacht für Nacht swingend durch die Nachbarschaft, ärgert die dummen Hunde und gelangt bei seiner Futtersuche zufällig in den Unterschlupf zweier Bankräuber und deren Geisel. Diese legt DC in einem unbeobachteten Moment ihre Armbanduhr, auf die sie in großen Buchstaben »HEL« geschrieben hat, um den Hals. Nach seiner Rückkehr entdeckt DCs Frauchen Patti (Hayley Mills) die Uhr samt Inschrift und wendet sich an den FBI-Agenten Zeke Kelso (Dean Jones), der in dem Schmuckstück eine heiße Spur erkennt und DCs Fährte aufnehmen möchte, um die gekidnappte Frau zu retten. Dummerweise leidet Kelso an einer schlimmen Katzenhaarallergie, und das ist bei weitem nicht das einzige Problem…

Mit »That Darn Cat!« gab der junge Dean Jones seinen Einstand bei Disney. Bis in die späten siebziger Jahre hinein sollte er eines der größten Zugpferde des Studios bleiben. Die von mir so geliebte und von Hollywood leider missachtete Dorothy Provine (Jack Lemmons Ehefrau in »Good Neighbor Sam« (Regie: David Swift, hier bereits vorgestellt)) liefert eine hinreißend komische Vorstellung als Pattis große Schwester in Liebesnöten ab, Roddy McDowall und Elsa Lanchester (als neugierige Nachbarin) geben sich gewohnt kauzig, und Tom Lowell (als Pattis surfbesessener Freund), Frank Gorshin, Neville Brand, Ed Wynn, Grayson Hall und Richard Deacon beleben als liebenswerte Nebenfiguren den temporeichen Streifen mit Witz und Charme. Nicht unerwähnt bleiben sollte die angenehm phantasievolle Farbgestaltung, die sich in Ausstattung und Kostüm niederschlägt und »That Darn Cat!« zu einer wahren Augenfreude macht.
     Nach ihren sechs Filmen, die sie für Disney gemacht hatte, wandte sich die inzwischen 19jährige Hayley anspruchsvolleren, »erwachsenen« Projekten zu. Eines der ersten nach ihrer Kinderstar-Zeit war 1966 das Drama »The Family Way«, bei dem sie den Regisseur Roy Boulting kennen lernte — und sich unsterblich in ihn verliebte. Boulting war gut 35 Jahre älter als sie, bereits zum dritten Mal verheiratet und Vater von vier Kindern. Nach seiner Scheidung lebten er und Hayley zur Freude der Boulevardpresse und zum Entsetzen ihrer früheren Fans jahrelang in »wilder Ehe« zusammen und heirateten erst 1971. (Ihr 1973 geborener Sohn Crispian Mills wurde später der Leadsänger und Gitarrist von Kula Shaker.) Ihr Zusammenleben und vor allem ihre Zusammenarbeit mit Boulting ließen Hayleys Karriere — trotz so spannender Werke wie dem Thriller »Twisted Nerve« (1968) — nachhaltig einknicken. Obwohl die heute 66jährige nach wie vor regelmäßig auf der Bühne und im Fernsehen zu sehen ist, konnte sie auch nach der Scheidung nie wieder an ihre frühen Erfolge anknüpfen.
     Von »That Darn Cat!« entstand 1997 ein unsägliches Remake mit Christina Ricci — für die es ebenfalls die letzte Arbeit für die Disney-Studios wurde.

André Schneider

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