6. August 2012

Das meiste, was ich schreiben möchte, wäre einfach zu privat, um es öffentlich zu teilen. Die zwei Monate, in denen ich abgesehen von ein paar Filmtipps nicht bloggte, waren keine angenehmen. Ja, ich schrieb an The Most Tender Game und Fruchtstückchen im Gras, brachte Le deuxième commencement zu einem würdevollen Abschluss und schlug mich auch ansonsten recht tapfer, aber all dies ist kein Lesefutter, der einen ganzen Aufsatz füttern würde.
     Nachdem der Kontakt zur Berner Mogelpackung eingestellt war, erholte ich mich bemerkenswert rasch, um mich kurz darauf in eine Situation zu begeben, die man nur missbräuchlich nennen kann. Ein grollend-stechender Schmerz in der Magengrube, als hätte man Glas gegessen. Eine in Wellen heranstürzende Agonie. Manchmal glaube ich, ich gehe unter, gebe mir und dem Schmerz jedoch nicht den Raum oder die Zeit der konstruktiv-heilsamen Begegnung, weil ich mich davor fürchte, mein Leben anzuhalten. Doch wie wäre es, den Trott zu verlassen? Den Rat meiner beiden Ärzte zu beherzigen und einfach mal nicht zu arbeiten? Die berechtigte Furcht, dass die Jahre, in denen ich über Depressionen und Burnout »hinweg gearbeitet habe«, ihren Tribut bald einfordern, erlischt jeden kreativen Funken. Zu lange habe ich mich entwerten lassen, habe Ausbeutung und Erniedrigung über zu viele Jahre schweigend erduldet und getragen, und habe nun das Gefühl, dass das Schweigen mich bis aufs Gerippe abgenagt hat. Ich hätte nie geglaubt, dass man sich so klein fühlen kann, so nackt, zerstückelt, zerschmettert, zersetzt.
     Ich habe mir Hilfe gesucht und nehme sie in Anspruch, aber es wird dauern, bis ich all das, was mir zu schaffen macht, strukturieren und ausmerzen kann.
     Gut, soweit zu mir und meinem Status quo.

Susanne Lothar — was für ein Verlust! Der wird noch lange zu spüren sein in der hiesigen Theater- und Filmwelt.
     Auf der Bühne sah ich sie nur ein einziges Mal, in Sarah Kanes »Gesäubert« an den Hamburger Kammerspielen. Es war eines jener raren Theatererlebnisse, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Ihre Durchlässigkeit, die dem Zuschauer ins Herz stach. Die Stärke in der Verletzlichkeit. Die Durchsetzungsfähigkeit. Die Kraft. Erinnert Ihr Euch an die Filme? »Engelchen« (Regie: Helke Misselwitz) fällt mir als erstes ein. Dieses stumme Leid, das diese zierliche Figur ein Leben lang durchzogen hat — und wie schonungslos die Lothar dies greifbar machte. Nur die wenigsten haben diese Gabe. Das war intensiv und stark wie bei Kim Stanley, paarte sich aber mit einer leiseren, weicheren, weiblicheren Qualität. Mit Haneke drehte sie vier Mal: »Das Schloss« (1996), »Funny Games« (1997), »La pianiste« (2001) und zuletzt »Das weiße Band« (2009). Jeder Auftritt ein Extrem, unvergessliche Filmmomente. Die Überlegenheit des Opfers, so würdevoll in der Erniedrigung, so delikat wie ihre Mutter Ingrid Andree, »die deutsche Audrey Hepburn«, so zerrissen wie ihr jung verstorbener Vater Hanns Lothar, der Schlemmer aus Billy Wilders »One, Two, Three« (1961). Sie nie wieder in einem neuen Film sehen zu können, erfüllt mich mit einer tiefen Traurigkeit. Dass sie ausgerechnet am fünften Todestag ihres Mannes Ulrich Mühe starb, ihre beiden Kinder nun Vollwaisen sind, betrübt noch mehr. Möge sie ihren Frieden gefunden haben.

Kleiner Querschnitt durch die letzten Wochen?
     Die Sommerloch-Diskussion über die Beschneidungen überspringe ich mal geflissentlich, das war selbst mir zu albern.
     James Franco, den ich mehr und mehr schätze, und Travis Mathews, der so betörende Filme wie »I Want Your Love« (2012) auf die Beine stellt, sollen sich Pressemeldungen nach zusammen getan haben; ich bin jetzt schon sehr gespannt auf das Ergebnis. Es kann nur schön werden. Bleibt nur die Frage, ob es außer der Schönheit auch Substanz haben wird.
     Die Geschichte von Alfred Hitchcock und Tippi Hedren wurde fürs US-Fernsehen verfilmt und wird Anfang Oktober ausgestrahlt werden. Der Film basiert auf einem der reißerischen Spoto-Bücher über Hitchcock, man kann also getrost davon ausgehen, dass man es mit dem Wahrheitsgehalt nicht allzu genau genommen hat. Wenn man ihn nicht zu ernst nimmt, dürfte »The Girl« (Regie: Julian Jarrold) mit Sicherheit ein unterhaltsamer, fesselnder Streifen sein. Und wem das nicht reicht, der kann sich dieses Jahr noch auf ein weiteres Hitchcock-Biopic mit Anthony Hopkins und auf Lindsay Lohan als Liz Taylor — kein Witz! — freuen.
     Einer der besten Romane der letzten Jahre wurde zu einem der besten Filme der letzten Jahre und kommt nun mit über einem Jahr Verspätung auch nach Deutschland: »We Need to Talk About Kevin« (Regie: Lynne Ramsay) ist ein erschütterndes Meisterwerk und wartet mit einer Tilda Swinton in Hochform auf. Vielleicht ist dies unter all ihren großartigen Leistungen die großartigste. Eine tour de force. Unbedingt anschauen!
     Oh, und wie gerne hätte ich Robin Causse als Hamlet gesehen. Aber nur für einen Theaterbesuch nach Frankreich, das wär mir dann doch zu dekadent.

Kürzlich entdeckte ich Dusty Springfield für mich. Herrliche Musik, wenn man die Wohnung putzt. Thorsten Strohbeck brachte mir Tryö und Karl Zero nahe, und ich näherte mich wieder Benjamin Biolay und Calogero an, während ich schrieb.
     Jean-Christophe Grangé ist, wie vielleicht einige von Euch wissen, einer meiner favorisierten Thriller-Autoren. »Das Herz der Hölle« ist für mich sein Meisterstück, irrsinnig gut recherchiert, phantasievoll geschrieben, atmosphärisch dicht, spannend bis zum Exzess und mit einer logischen Auflösung. Sein »La forêt des Mânes«, den ich nun im Original gelesen habe, um mein Französisch aufzupolieren, gefiel mir leider nicht besonders, weil die Muster schon zu vertraut und die Überraschung daher wenig überraschend war. Vielleicht hole ich mir mal wieder »Die purpurnen Flüsse« aus dem Regal. Mo Hayders »Der Vogelmann« beeindruckte mich seinerzeit auch sehr, ich mag die Romane von Karin Slaughter und Cody McFadyen, von Arne Dahl gefiel mir bislang nur »Böses Blut« richtig gut. Ich glaube, ich werde die kommenden Monate wieder mehr lesen.

Nur noch eine Woche bis zur Welturaufführung von Le deuxième commencement in Spanien, und ich muss zugeben, dass die Nervosität merklich gestiegen ist. Gerade Jennifer hat in den vergangenen Wochen geschuftet wie Gott und Teufel in einer Person, um alles in die Bahnen zu bringen. Die ersten screener sind verschickt, Anfragen aus Hamburg, Paris, Brüssel und Belgrad freundlich beantwortet, die Presse mit ein paar Infos versorgt. Warten wir ab, was kommt.
     Ein herzlicher Gruß. Schön, dass Ihr diesen Blog weiterhin so emsig besucht.

André

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