Filmtipp #70: Die Wendeltreppe

Die Wendeltreppe

Originaltitel: The Spiral Staircase; Regie: Robert Siodmak; Drehbuch: Mel Dinelli; Kamera: Nicholas Musuraca; Musik: Roy Webb; Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Rhonda Fleming. USA 1946.

The Spiral Staircase
Unlängst stellte ich Euch zwei in Vergessenheit geratene Perlen aus dem Œuvre des Exilanten Fritz Lang vor (hier nachzulesen). In beiden Fällen handelte es sich um Exemplare des film noir, ein Genre, das heute kaum noch geschätzt wird. Mein 70. Filmtipp, der zugleich der 200. Beitrag auf diesem Blog ist, behandelt einen weiteren Vertreter des film noir, und auch dieser wurde von einem Regisseur inszeniert, der seine Heimat der Nazis wegen verlassen musste: Robert Siodmak. 1900 in Dresden geboren, feierte er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Curt (der später als Drehbuchautor Bekanntheit erlangte), Fred Zinnemann und Billy Wilder seinen ersten Achtungserfolg mit »Menschen am Sonntag« (1930), einer filmischen Liebeserklärung an Berlin, bevor es ihn über Paris nach Hollywood verschlug. Nach einer kurzen Zeit bei Paramount Pictures fand er Anfang der 1940er seine Nische bei Universal, wo sein Bruder bereits als Autor für Horrorstreifen (»The Invisible Man Returns« (1940), »Black Friday« (1940), »I Walked with a Zombie« (1943)) unter Vertrag stand. Zwischen 1942 und 1952 inszenierte Robert Siodmak nicht weniger als 17 Spielfilme, unter anderem Klassiker wie »Son of Dracula« (1942), »The Killers« (1946), »The Dark Mirror« (1946), »Criss Cross« (1949), »The Crimson Pirate« (1952). Sein favorisierter Hauptdarsteller zu dieser Zeit war Burt Lancaster, mit dem er immerhin drei Filme drehte. In den Fünfzigern verschlug es ihn wieder nach Europa, wo er Meterware wie »Katia« (1959, mit Romy Schneider) oder »Mein Schulfreund« (1960, mit Heinz Rühmann) ablieferte. Als sein großes Meisterwerk gilt der film noir-Klassiker »The Spiral Staircase«, der am 6. Februar 1946 uraufgeführt wurde. Das Drehbuch schrieb Mel Dinelli, der später auch Fritz Langs »House by the River« (das Drehbuch kann hier herunter geladen werden) verfasste.

Ich habe »The Spiral Staircase« voriges Jahr zum ersten Mal gesehen (ich schrieb hier bereits darüber) und war begeistert, wie packend der Film auch nach über 65 Jahren noch ist. Wenn man den etwas abgenagten Begriff »Perfektion« für einen Film noch einmal strapazieren möchte, so kann man es in diesem Falle guten Gewissens tun. Es ist ein Film, bei dem sich die Elemente des Gruselfilms, des Psychothrillers, des film noir und des deutschen Expressionismus aufs Wunderbarste miteinander verbinden und eine kaum auszuhaltende zeitlose Spannung erzeugen. Ja, auch nach 66 Jahren schafft es dieser Film, dass man die Anspannung nicht verliert. Aufrecht saß ich im Sessel und verkrallte mich im Sofakissen. Siodmak gelang ein unnachahmlicher wie raffinierter Klassiker. In keinem anderen Werk wurden später die klassischen Zutaten von knarrenden Türen, grollenden Gewittern, wehenden Vorhängen und flackernden Kerzen so gekonnt zitiert wie hier. (Die Gänsehaut verursachenden Großaufnahmen der Augen des Killers zeigen übrigens die böse verzogenen Augen des Regisseurs.) Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz: Elsa Lanchester spielt eine trinkfeste Köchin, Sara Allgood ist als feiste Krankenschwester zu sehen, und die große Ethel Barrymore (die Großtante von Drew) gibt als starrsinnige, bettlägerige Matriarchin eine bissige Glanzvorstellung, die 1947 mit einer Oscarnominierung bedacht wurde.
     In einer kleinen Stadt in Neuengland geht zu Beginn des 20. Jahrhunderts (der Film spielt ca. 1916) das Grauen um. Innerhalb weniger Tage tötet ein Wahnsinniger drei Frauen, die alle etwas gemeinsam hatten: sie litten alle unter einer Behinderung. Die junge Helen (McGuire), die in ihrer Kindheit durch einen Schock ihre Sprache verlor, hat berechtigte Befürchtungen, ebenfalls auf der Abschussliste des Psychopathen zu stehen. Sie kann nicht ahnen, dass ihr ausgerechnet im düsteren Herrenhaus der Familie Warren, wo sie als Dienstmädchen arbeitet, eine wahrhaft schauderhafte Nacht bevorstehen wird…

An den Kinokassen war Siodmaks düsterer Schocker ein voller Erfolg und brachte der Produktionsgesellschaft einen Reingewinn von zwei Millionen Dollar, was angesichts des niedrigen Budgets (es mussten unter anderem Requisiten aus »Rebecca« (Regie: Alfred Hitchcock) wieder verwendet werden) sehr beachtlich war. Die einzige aus der Besetzungsliste, die noch lebt, ist übrigens die mittlerweile 89jährige Rhonda Fleming, die Hitchcock-Fans noch aus »Spellbound« (1945) ein Begriff sein dürfte.
     Es entstanden 1975 und 2000 noch zwei deutlich schwächere Remakes; im ersten spielte Jacqueline Bisset, im zweiten Nicollette Sheridan die Hauptrolle.

André Schneider

Advertisements