Filmtipp #69: Homevideo

Homevideo

Originaltitel: Homevideo; Regie: Kilian Riedhof; Drehbuch: Jan Braren; Kamera: Benedict Neuenfels; Musik: Peter Hinderthür; Darsteller: Jonas Nay, Wotan Wilke Möhring, Nicole Marischka, Sophe Boehme, Jannik Schümann. Deutschland 2011.

Homevideo

Der 15jährige Jakob (Jonas Nay) hat es nicht gerade leicht: Der tägliche Weg zur Schule ist für den eher verschlossenen Außenseiter ein Spießrutenlauf, die seit langem zerrüttete Ehe seiner Eltern (Wotan Wilke Möhring und Nicole Marischka) zerfällt, und zu allem Überfluss werfen ihn die Pubertät und die erste Verliebtheit gehörig aus der Bahn. Als Hannah (Sophie Boehme), das Mädchen seiner Träume, ihm behutsam näher kommt, empfindet er dies als einen leuchtenden Glücksregen. Durch einen dummen Zufall gerät allerdings ein selbstgedrehtes Video, das Jakob beim Onanieren zeigt, in die Hände zweier Mitschüler und verbreitet sich schnell in der ganzen Schule. Von allen Seiten ausgelacht, gemobbt und angefeindet, zieht sich Jacob mehr und mehr zurück. Als der Erpressungsversuch seiner Mitschüler scheitert, laden diese den Clip im Internet hoch. Nun implodiert Jakobs kleine Welt vollends: Hannah bricht den Kontakt zu ihm ab. Ein Schulverweis, Beschimpfungen im Netz, offener Hass und Morddrohungen zerbrechen den Jugendlichen. Seine überforderten Eltern versuchen ihr Bestes, ihm zu helfen, erkennen die Tragweite von Jakobs Unglück jedoch zu spät. Es kommt zur Katastrophe…

Ihr wisst, dass ich mich hier eigentlich nur Kinoproduktionen widme. (Die einzige Ausnahme bislang war »Juste une question d’amour« (Regie: Christian Faure, hier nachzulesen).) Filme werden für die große Leinwand gemacht. Kino ist das köstliche Menü im edlen Restaurant, Fernsehen ist McDonald’s. Diese erschütternde wie brillante Fernsehproduktion allerdings traf mich wie ein Faustschlag in die Magengrube — natürlich auch, weil ich das Thema cyber mobbing aus eigener Erfahrung nur zu gut kenne. Mit diesem Begriff bezeichnet man die systematische soziale Zerstörung eines Menschen über das Internet, gerne mit verleumderischen oder hetzerischen Mitteln, oft auch mit Aufforderung zur Gewalt. In dem auch heute noch weitgehend anonymen Medium können die Täter über verhältnismäßig lange Zeiträume ungestraft ihren Aktivitäten frönen, wennschon sich juristisch seit 2007 einiges getan hat. Doch selbst, wenn die Schmachschriften irgendwann aus dem Netz entfernt werden, ist der Schaden für die Opfer meist längst irreparabel. Fragen Sie mal Jennifer Nathalie Pyka, die bereits seit geraumer Zeit virtuell verleumdet und bedroht wird und ihren Peinigern bis heute erbittert die Stirn bietet. »Homevideo« nimmt sich eines sehr wichtigen, unschönerweise immer noch tabuisierten Themas an, allein das macht ihn zu einem unverzichtbaren Film.
     Natürlich darf man nicht vergessen, dass es sich um ein Konsumprodukt für den Bildschirm handelt. Die Figuren sind teilweise stark überzeichnet, die Exposition ist simpel und stringent, die Dramaturgie folgt dem bekannten Schema F., gestalterisch hat man sich keine Experimente gestattet. Sieht man über diese Punkte hinweg, wird man jedoch spannend unterhalten. Und der wahre Schrecken beginnt eigentlich nach Filmende: Die ohnehin schon dysfunktionale Familie wird vollends zerbrechen.
     Kilian Riedhofs als Drama verkleideter Horrorfilm wurde nach seiner Ausstrahlung 2011 mit Preisen nur so überhäuft. Ausgezeichnet wurden unter anderem der Kameramann Benedict Neuenfels und das intensiv-bewegende Spiel Jonas Nays. Die Dreharbeiten fanden vom 22. September bis zum 23. Oktober 2010 in Hamburg statt, der NDR produzierte.

André Schneider

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