Filmtipp #61: Kill, Daddy, Kill

Kill, Daddy, Kill

Originaltitel: The Stepfather; Regie: Joseph Ruben; Drehbuch: Donald E. Westlake; Kamera: John Lindley; Musik: Patrick Moraz; Darsteller: Terry O’Quinn, Jill Schoelen, Shelley Hack, Charles Lanyer, Stephen Shellen. GB/USA 1987.

The Stepfather

Es war ein Film, über den in den späten Achtzigern alle Erwachsenen zu reden schienen. Für uns Kinder war »The Stepfather« verboten, ab 18, unerreichbar und wohl hauptsächlich deshalb unendlich interessant. Das Poster im Schaufenster der Videothek, Artikel in Filmzeitschriften — es war eine dieser B-Produktionen, die, ähnlich wie »DeepStar Six« (Regie: Sean S. Cunningham) oder »House« (Regie: Steve Miner), hierzulande eine ungeheure Resonanz erfuhren. Zumindest auf dem Videomarkt. Klassenkameraden behaupteten, ihn gesehen zu haben oder jemanden zu kennen, der ihn hat, und da man nur wenige Fotos kannte, entstand im Kopf ein ganz eigener Horrorfilm: der große, böse Mann mit dem Messer, schreiende Frauen, Blutbäder.
     Ich sah »The Stepfather«, der bei uns als »Kill, Daddy, Kill« oder »Spur in den Tod 2« vertrieben wurde, erst 23 Jahre später, als ihn die Epix Media AG im Sommer 2010 auf DVD veröffentlichte, und durfte freudig überrascht feststellen, dass der Film auf dem Bildschirm jenem, den ich als Zehnjähriger in meinem Kopf entwarf, gar nicht so unähnlich war.

Terry O’Quinn spielt Jerry Blake, einen Psychopathen auf der Suche nach der perfekten Familie. Er umwirbt schöne Frauen — meist geschieden, meist mit Kindern —, heiratet sie und strebt nach ungetrübtem Familienidyll. Er ist freundlich, kultiviert, romantisch, fürsorglich und verständnisvoll — bis die Perfektion rissig wird, Probleme entstehen, die auserwählten Familien seinen Ansprüchen nicht mehr genügen. Dann schlachtet er sie kaltblütig ab, ändert sein Äußeres, wechselt Identität und Stadt und sucht sich eine neue Familie. Seine neue Flamme heißt Susan (Shelley Hack, bekannt aus Scorseses »The King of Comedy«) und hat eine halbwüchsige Tochter Stephanie (Jill Schoelen, eine Scream Queen der zweiten Generation, deren Karriere in den frühen Neunzigern auslief), die ihrem neuen Stiefvater mit Misstrauen begegnet und sich ihm trotzig widersetzt. Eine Weile bleibt Jerry geduldig, dann sieht er rot…

Regisseur Joseph Ruben, der später unter anderem den unsäglichen Julia-Roberts-Krimi »Sleeping with the Enemy« (1991), »The Good Son« (1993) und »The Forgotten« mit Julianne Moore (2004) verschuldete, ist mit Sicherheit kein Meister der leisen Töne, »The Stepfather« geht ganz schön drastisch zur Sache. In der Anfangsszene sehen wir Jerry im Bad. Er wäscht sich das Blut von den Händen, duscht, rasiert sich, zieht sich an, packt einen Koffer. Die Kamera begleitet ihn durch das Haus und offenbart im Erdgeschoss ein Szenario des Grauens: Chaos, zerschlagene Möbel und bluttriefende Wände, die verstümmelten Leichen seiner Frau und der kleinen Kinder. Pfeifend verlässt Jerry das Haus, hebt im Vorgarten die Zeitung auf und macht sich schwungvoll auf den Weg in sein neues Leben. Ein Auftakt, den man schwer wieder vergessen kann.
     Natürlich ist »The Stepfather«, wie alle Filme von Rubens, in erster Linie ein Reißer, ein Unterhaltungsfilm ohne Tiefe oder Anspruch. Dennoch gelingt Terry O’Quinn ein fundiertes, glaubwürdiges Psychogramm eines krankhaft Besessenen, das man in den meisten Filmen ähnlicher Machart vergebens sucht, und Jill Schoelen, seinerzeit die Freundin Brad Pitts, gibt eine ebenbürtige Gegenspielerin ab. Es ist den Schauspielerleistungen und dem straffen Drehbuch zu verdanken, dass »The Stepfather« auch heute noch mit Spannung anzusehen ist. Leider richtet die miserable Synthesizermusik von Patrick Moraz erheblichen Schaden an, stellenweise macht sie den Film nahezu unerträglich. Die unbeholfen-verwackelten Kamerafahrten — der Film beginnt gleich mit einer —, die man den Italienern gerne verzieh, weil sie dort irgendwie charmant wirkten, offenbaren den B-Charakter des Films.

Der in nur 40 Drehtagen in Kanada gedrehte Film war ein respektabler Erfolg — er spielte 1987 immerhin rund 2,5 Millionen Dollar ein — und zog nicht nur einige Fortsetzungen, sondern 2009 auch das unvermeidliche, leider weichgespülte Remake nach sich, Filme, über die wir besser den Mantel des Schweigens breiten.

André Schneider

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