Filmtipp #49: Mitternachtsspitzen

Mitternachtsspitzen

Originaltitel: Midnight Lace; Regie: David Miller; Drehbuch: Ivan Goff, Ben Roberts; Kamera: Russell Metty; Musik: Frank Skinner; Darsteller: Doris Day, Rex Harrison, John Gavin, Myrna Loy, Roddy McDowall. USA 1960.

Midnight Lace

It’s a Doris Day day! Happy Birthday, Miss Day!
     Zum heutigen 88. Geburtstag von Doris Mary Ann Kappelhoff, besser bekannt unter dem Namen Doris Day, möchte ich mich einem echten guilty pleasure widmen: »Midnight Lace« ist einer der besten schlechten Filme, die Hollywood je hervorgezaubert hat. Für Doris Day war es nach »Julie« (Regie: Andrew L. Stone) und »The Man Who Knew Too Much« (Regie: Alfred Hitchcock) der dritte und letzte Ausflug ins Thriller-Genre, und böse Zungen behaupten, sie hätte hier die komischste Leistung ihrer Karriere vollbracht. Zweifelsohne war sie nie so schlecht wie in »Midnight Lace«, aber das ist vor allem dem unausgegorenen Drehbuch und David Millers Regie geschuldet und schmälert darüber hinaus das Sehvergnügen nicht im Geringsten, im Gegenteil: Selten hat Hysterie so viel Spaß gemacht! (Vergleiche mit Lana Turner in »The Big Cube« (Regie: Tito Davison, hier bereits besprochen) bieten sich durchaus an.) David Miller schien ein Faible für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs zu haben — bereits 1952 ließ er in »Sudden Fear« eine grotesk mit den Augen rollende Joan Crawford vor dem bösen Jack Palance flüchten. (Beide wurden dafür seinerzeit für einen Oscar vorgeschlagen, und in einer späteren Kritik hieß es: »Crawford acts… and acts… and acts… and acts…«) Auch Doris Day wurde unter seiner Ägide zu kraftvollem Chargieren ermutigt und hangelt sich von einem hysterischen Kreischanfall zum nächsten — und wechselt dazwischen nicht weniger als 17 Mal ihre Garderobe. Die geschmackvollen Kostüme der Designerin Irene wurden für einen Oscar nominiert.

»Midnight Lace« läuft so oft im Fernsehen, dass man die Handlung eigentlich nicht erzählen muss. Trotzdem: Day spielt die vermögende Amerikanerin Kit Preston, die eines Tages auf dem Nachhauseweg zu ihrer Londoner Luxuswohnung in einem nebligen Park durch eine unheimliche Stimme — der erste Lacher des Films! — mitgeteilt bekommt, dass sie bald ermordet werden wird. Ihr Ehemann Tony (der ekelhafte Rex Harrison passt wie die Faust aufs Auge) hält das für einen harmlosen Streich: Solche Dinge passieren eben, wenn es neblig ist in London. »Ach sooo, dann bin ich ja beruhigt«, denkt sich Doris/Kit. Doch während der nächsten Tage entgeht sie immer wieder nur knapp lebensgefährlichen Unfällen und wird von unheimlichen Anrufen terrorisiert. Da sie jedoch immer allein ist, wenn diese Anrufe kommen, nimmt ihr die Geschichte niemand so richtig ab — vernachlässigte Ehefrauen phantasieren schließlich gern, wenn sie die Aufmerksamkeit ihres Gatten erregen wollen —, bis Tony eines Abends tatsächlich Zeuge eines dieser Drohanrufe wird. Er beschließt, den Mörder in die Wohnung zu locken und ihn dort selbst zu überwältigen. Der armen Kit steht ein schauderhafter Abend voll böser Überraschungen bevor.

Der Film ist ein konventioneller Whodunit, wurde in der Vergangenheit dennoch des Öfteren Alfred Hitchcock zugeschrieben. Natürlich ist jedem Zuschauer, der mehr als drei Thriller ähnlicher Machart gesehen hat, spätestens nach 20 Minuten klar, dass der Ehemann hinter allem steckt — wie fies der schon guckt! —, aber das hindert Miller nicht daran, einige höchst amüsante falsche Fährten zu legen, um wenigstens den Kindern die Spannung nicht zu verderben. Und er bedient sich der Talente gleich mehrerer Schauspieler, die bereits in Hitchcock-Filmen aufgetreten waren: Anthony Dawson, der unglückliche Mörder aus »Dial M for Murder« (1953), ist mit von der Partie, John Williams, der Hitchcock mehrmals zudiensten gewesen war, gibt mal wieder einen charmanten englischen Polizisten, und John Gavin, der Liebhaber aus »Psycho« (1960), ist hier Doris Days Rock-Hudson-Ersatz. (Wusstet Ihr, dass John Gavin von Universal als potentieller Nachfolger Hudsons unter Vertrag genommen wurde? Für den Fall, dass »es« rauskommt… Aber da Hudson sein Coming Out erst kurz vor der Leichenstarre hatte, versickerte Gavins Karriere irgendwann in den späten Sechzigern.) Myrna Loy spielt Kits flotte Tante Bea, die mit kessen Sprüchen für noch mehr Heiterkeit sorgt und Roddy McDowall kommt ab und zu vorbei und soll zwielichtig wirken. Die fesche Natasha Parry, in einer etwas undankbaren Rolle als Doris’ Freundin/Nachbarin, entpuppt sich am Ende als Harrisons Geliebte/Komplizin. Schöner Überraschungseffekt. Der Film entstand übrigens komplett in den Universal-Studios in Kalifornien, keiner der Schauspieler betrat englischen Boden. Die »pittoresken London-Bilder«, für die der Streifen seinerzeit so gelobt wurde, stammten aus Archiven und von einem Second Unit-Team, das für ein paar Aufnahmen nach Großbritannien geschickt worden war.

Edith Schneider, die Synchronstimme Doris Days, hat der Komikerin einen großen Dienst erwiesen, in der deutschen Fassung kann der Film beinahe als ernst gemeint durchgehen. Wer wirklich lachen möchte, muss sich »Midnight Lace« im Original anschauen. Die Szene, in der Doris/Kit im Fahrstuhl stecken bleibt, ist ein akustischer Hochgenuss! (Schließt die Augen dabei, und Ihr werdet glauben, Ihr hättet einen S/M-Porno eingelegt.) Und das haarsträubende Finale auf dem Baugerüst! Und die ganzen Telefonate mit der quiekenden Stimme am anderen Ende! Der hinreißende Moment, wenn Doris/Kit vor den Bus geschubst wird und sich olympiareif abrollt! Ich liebe diesen Film!
     Überhaupt ist die Day eine Wucht! Wann immer es einem schlecht geht, hilft einem ein Doris-Day-Film wieder auf die Beine. Das ist ein großer Verdienst! Nie ist sie gebührend dafür gewürdigt worden. (Wo bleibt der Ehren-Oscar?) Als sie im letzten Jahr im Alter von immerhin 87 Jahren ihre neue CD »My Heart« herausbrachte — und damit die Charts erklomm —, war ich vor Freude ganz aus dem Häuschen. Und ihre liebevollen Audio-Nachrichten, die sie ihren Fans auf ihrer Website immer wieder zukommen lässt! Sie ist wunderbar, schlicht und einfach wunderbar, und ich hoffe, dass sie noch lange bei uns bleiben wird. Sie ist eine der letzten noch lebenden Legenden des Old Hollywood.
     Wer sich heute zu Doris’ Ehren einen schönen, ausgedehnten DVD-Abend machen möchte, dem empfehle ich »Please Don’t Eat the Daisies« (Regie: Charles Walters, siehe hier), »Pillow Talk« (Regie: Michael Gordon) und »The Glass Bottom Boat« (Regie: Frank Tashlin) mit »Midnight Lace« als krönendem Abschluss. Vor einigen Jahren sendete Arte die eindrucksvolle Dokumentation »What a Difference a Day Made: Doris Day Superstar«, die ich Euch ebenfalls ans Herz legen möchte.

André Schneider

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