12. März 2012

Für das Fruchtstückchen-Drehbuch stehe ich jeden Morgen um vier auf. Aus meiner Traumwelt direkt an den Schreibtisch — die perfekte Vorgehensweise für ein Projekt, das ein erotisches Märchen werden soll. Lafargue und Dostojewski fließen mit ein, wir begeben uns in eine Zwischenwelt aus Philosophie und Sex-Schnupperkurs.
     An meinem Geburtstag schaffte ich acht komplette Seiten, dann legte ich mich noch einmal für zwei Stunden schlafen, anschließend besuchte ich meine Mutter in der Medizinischen Hochschule Hannover. Wieder eine OP aufgrund der Chemo-Nachwirkungen. Im Gespräch wirkt sie optimistisch und kraftvoll, aber in ihren Augen sehe ich die Angst, all die Angst, vor der sie davonläuft. Seit zwei Jahren ersehne ich das Gespräch, doch weiß ich nicht, wie ich es bewerkstelligen soll. Damit meine ich nicht nur das Thema Krebs, sondern auch und vor allem die Realitätsflucht angesichts monetärer und anderer Belange. Ich schaue in die Augen meiner Mutter und möchte weinen, weil ich mich so schuldig fühle ob meiner Wut und Hilflosigkeit. Ich hasse den Hass, den ich empfinde, diesen ziellosen, kalten Hass, der sich gegen nichts und alles richtet. »Ich will nicht, ich muss hier weg«, denke ich. Ich möchte mich wieder darauf freuen, sie zu sehen. Vor allem aber möchte ich nicht jeden Tag das Gefühl haben, mein Leben liefe an mir vorbei, ohne dass ich es lebe. Wie viele Jahre des Verzichts denn noch? Wohin sollen die immer fortwährenden Demütigungen führen? Wann läuft das Fass über? Und ab wann ist der Schaden irreparabel?
     Meine süße Schwester kochte wie üblich hervorragend, es gab Schnitzel, Pasta, Kartoffeln und einen massigen Schokoladenkuchen zum Nachtisch. Über 800 Gratulanten auf Facebook, aber nur drei Anrufe. Spätabends dann die DVD von »The Birds« (Regie: Alfred Hitchcock) eingelegt und mal wieder gedacht: Was für ein Werk! Was für ein Wunder dieses Medium Film doch ist! Und wie viele Menschen hart und hingebungsvoll arbeiten, damit wir diese Stunden des Genusses, der Unterhaltung und Zerstreuung (und manchmal auch der Besinnung) erleben dürfen. Auch das ist eine Form von Liebe. Wenn man bedenkt, dass Hitchcock und sein Team fast drei Jahre ihres Lebens in diesen Film investiert haben! Vom elektronischen Soundtrack (Remi Gassmann und Oskar Sala) bis zu Albert Whitlocks großartigen, von Munch inspirierten matte paintings, von Tippi Hedrens lindgrünem Kostüm bis zu Howard Smits Maskenbildnerkunst, von der Autofahrt über die pittoresken Küstenstraßen Nordkaliforniens bis zur fulminant geschnittenen Schlussszene auf dem Dachboden ist »The Birds« für mich auch nach 21 Jahren des wiederholen Anschauens immer noch und immer wieder ein atemberaubendes Filmerlebnis. Fellini nannte den Film ein »apokalyptisches Gedicht«. Tatsächlich verzichteten Hitchcock und sein Autor Evan Hunter auf eine lineare Erzählstruktur und bauten den Film in Gedichtform auf. Am Ende jeder Strophe: der Blick eines (oder mehrerer) Menschen gen Himmel. Es geht um die Angst vorm Verlassenwerden und um Einsamkeit, menschliche Urängste, Domestizierung und Gefangenschaft. Die Vogelangriffe kommen in Wellen; immer, wenn eine der Figuren ihre Ängste offen gelegt hat, folgt darauf eine Attacke von oben. Ach, ach, ich könnte wohl Stunden über diesen Film schreiben. Er wird eines Tages gewiss auch als Filmtipp hier verewigt werden, immerhin handelt es sich um meinen Lieblingsfilm.
     Nachts aufgestanden, um mir einen Tee zu machen. Das leise Schnarchen meines Vaters aus seinem Zimmer rührte mich. Ein erschöpfter Mann, der sein Lebtag nichts als geschuftet hat, um »vorzusorgen« — und nun mit leeren Händen dasteht. Ich verstehe, dass er das nicht versteht, und ich verstehe auch seine Bitterkeit. Er wirkt viel älter, als er ist. Und auch bei ihm spüre ich diese mich wütend machende Ohnmacht. Gegen drei Uhr morgens schlief auch ich endlich ein, Chelito leise neben mir im Bett grunzend.
     Insgesamt wohl kaum das, was man einen spektakulären Geburtstag nennen könnte, aber immerhin ohne Drama.

André (Fan Art: Steph)

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen angenehm stressfreien Start in die Woche, lasst es Euch gut gehen.

André

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