Filmtipp #43: Zodiac – Die Spur des Killers

Zodiac — Die Spur des Killers

Originaltitel: Zodiac; Regie: David Fincher; Drehbuch: James Vanderbilt; Kamera: Harris Savides; Musik: David Shire; Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Robert Downey Jr., Chloë Sevigny, Brian Cox. USA 2007.

Zodiac

Über den Zodiac-Killer gab es bereits einige mehr oder weniger gelungene Filme. Der Stoff an sich ist schon Gänsehautgarant, immerhin wurde der Mörder nie gefasst. (Inzwischen ist er vermutlich an Altersschwäche dahingeschieden.) Die Morde waren, ähnlich wie bei den Manson-Morden, erschreckend willkürlich und blieben — trotz der Augenzeugenberichte einiger Überlebender — weitestgehend ungeklärt.
     Nun ist David Fincher unter den US-Mainstream-Regisseuren derjenige, der sich seine eigene Handschrift am ehesten bewahrt hat. (Zur Erinnerung: Handschrift ist das, was Martin Scorsese noch vor 17, 18 Jahren hatte.) Man braucht nur 30 Sekunden eines Films zu sehen und weiß, dass es ein Fincher ist. Eine Qualität, die rar geworden ist. Früher gab es das häufiger, man erkannte seinen Hitchcock, seinen Welles, seinen Lubitsch. Heute sind Regisseure, Filme, Handschriften austauschbar geworden, zumindest im US-Kino. Und die Persönlichkeiten der Schauspieler, die Stars, mussten den Effekten weichen. Wir Europäer sagen schon öfter: »Oh, der neue Tykwer (Jeunet, Almodóvar, Chabrol, etc.) läuft an, den muss ich sehen!«, Sätze wie »Der neue Jay-Roach-Film soll klasse sein« fallen hingegen eher selten, oder?

Mit »Se7en« (1995) hatte Fincher den nihilistischsten Thriller der Neunziger geschaffen und Filmgeschichte geschrieben, mit »Fight Club« (1999) hatte er neue Maßstäbe in Sachen Gewalt im Kino gesetzt, und das Kammerspiel »Panic Room« (2002) war, wenn auch voll mit Drehbuchpatzern und Anschlussfehlern, ein kleines Meisterstück, was die Schauspielführung anging. Selbst seine Musikvideos für Madonna waren Kunst. Mit »Zodiac« war Fincher 2007 ein geradezu episches Werk gelungen, das für die IMDb-Nutzer schon kurz nach Erscheinen zu den 200 besten Filmen aller Zeiten gehörte. Keine Ahnung, ob das nicht vielleicht etwas zu hoch gegriffen war, aber auf jeden Fall sorgt »Zodiac« 160 Minuten lang für hochqualitativen Filmgenuss und weckt beim Zuschauer Interessen auf so vielen Ebenen, dass man ihn getrost mehrmals schauen und immer wieder neue Details entdecken kann. Dabei handelt es sich hier nur peripher um einen Thriller; im Grunde genommen bedient sich Fincher nur einiger Thriller-Zitate, spielt virtuos mit den Versatzstücken des Genres. Vordergründig geht es um die zermürbenden Ermittlungen von Polizei und Presse, die sich über zehn Jahre ergebnislos hinziehen. Dahinter durchleuchten Fincher und sein Drehbuchautor James Vanderbilt die Charaktere der »Jäger«, fabelhaft gespielt übrigens von Robert Downey Jr., Mark Ruffalo und Jake Gyllenhaal. Drei Männer, die sich in dem Versuch, das Rätsel um die Identität des Mörders zu lösen, buchstäblich zugrunde richten.
     Detailbesessen ausgestattet, ist »Zodiac« ein richtiger Augenschmaus. Kameramann Harris Savides sorgte für unvergessliche Bilder, stimmungsvoll ausgeleuchtet und das San Francisco der späten Sechziger beschwörend. Denn der Film zeichnet auch und vor allem das Bild einer Epoche. Der summer of love, die Zeit von love and peace ist vorbei, Vietnam, Kalter Krieg und Massenmörder führen die Hippie-Ideale ad absurdum. Seit »Basic Instinct« (Regie: Paul Verhoeven) wurde San Francisco nicht mehr so mysteriös und vibrierend portraitiert.
     Den Morden und Mordversuchen des Zodiacs widmet Fincher gottlob nur wenig Aufmerksamkeit. Die Szenen sind kurz, es fließt kaum Blut. Wäre unnötig gewesen und hätte vom Wesentlichen abgelenkt. Und dennoch ist die latente Bedrohung ständig spürbar, der Mörder scheint immer irgendwo im Hintergrund zu lauern. Immer wieder produziert der Film eisige Schauer und ein mulmiges Gefühl, weit über den Abspann hinaus. »Zodiac« darf getrost zu Finchers Meisterwerken gezählt werden. Kein neuer »Se7en« — vom Verleih wurde er idiotischerweise als solcher angekündigt —, aber ein mehr als sehenswerter Film, eine runde Sache und ein in vielerlei Hinsicht köstliches Stück Kino.

André Schneider

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