Filmtipp #24 & #25: Before Sunrise & Before Sunset

Before Sunrise

Originaltitel: Before Sunrise; Regie: Richard Linklater; Drehbuch: Richard Linklater, Kim Krizan; Kamera: Lee Daniel; Musik: Fred Frith; Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy, Andrea Eckert, Hanno Pöschl, Erni Mangold. USA/Österreich 1995.

Before Sunrise

Before Sunset

Originaltitel: Before Sunset; Regie: Richard Linklater; Drehbuch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke, Kim Krizan; Kamera: Lee Daniel; Musik: Igor Kipnis; Darsteller: Julie Delpy, Ethan Hawke, Vernon Dobtcheff, Albert Delpy, Marie Pillet. USA 2004.

Before Sunset

Leider kann man nicht viel über Richard Linklaters »Before Sunrise« und »Before Sunset« schreiben. Die beiden Filme sind, besonders im Doppelpack, einfach nur wunderschön und sprechen für sich.
     Ein Amerikaner und eine Französin treffen sich in einem Zug nach Wien und verbringen dort einen Abend, eine Nacht miteinander, reden, nähern sich einander an, verlieben und verabschieden sich. Das war 1995. Ein ungewöhnliches Kino-Ereignis. Kaum jemand hat den Film im Kino gesehen, aber die, die ihn sahen, sahen ihn immer wieder. Man war verliebt in Wien, in Julie Delpy/Celine oder in Ethan Hawke/Jesse — ich war damals nicht weniger verwirrt als heute und verliebte mich in die beiden als Pärchen —, in die Romantik. »Before Sunrise« ist bis heute einer der französischsten unter den US-amerikanischen Filmen geblieben. Brillante Dialoge, die sich so echt und gelebt anfühlen, dass man als Zuschauer glaubt, live dabei zu sein. Und Wien sah in der Tat nie so schön aus. Das offene Ende — werden sie sich wieder sehen? — gehört mittlerweile zu den berühmtesten der Filmgeschichte und lud zu den irrwitzigsten Phantasien und Träumen ein, die ich damals meiner Klassenkameradin Conny, die den Film ebenfalls liebte, auf kleinen Zettelchen mitteilte. »Before Sunrise« war Romantik pur, aber unverkitscht. Zartschmelzend herb, nicht bitter. Weich im Abgang. Vor allem aber beschäftigte er — mit Unterbrechungen — das kleine Romantikerherz noch einige Jahre.

Gut zehn Jahre später wurde das offene Ende mit der Fortsetzung »Before Sunset« zunichte gemacht, die Fragen wurden beantwortet — und es wurden neue gestellt. Das gleiche Konzept funktionierte gottlob auch zeitverzögert: Das Paar trifft sich in Paris zufällig wieder, zehn Jahre liegen dazwischen, und es funkt erneut. Jesse — verheiratet und Papa — hat ein Buch über die gemeinsame Nacht in Wien geschrieben, Celine — unverheiratet, aber in festen Händen — kommt zu seiner Lesung bei Shakespeare & Company. Sie schlendern an der Seine entlang, sprechen über ihr Leben, die verpassten Chancen, darüber, wer sie mal waren, wie sie heute sind. Für das Herzweichmacherdrehbuch gab’s verdientermaßen eine Oscarnominierung. (Inzwischen bin ich zwar immer noch verwirrt, aber verliebt hab ich mich in Julie Delpy, bei Ethan ist der Schmelz ab.)

Zwei Filme, die man als double feature und unbedingt in der englischen Originalfassung genießen sollte. Und hinterher eine Nina-Simone-Platte auflegen. Zu Weihnachten genau richtig. Ein gewisses Maß an Tiefgang und Philosophie, federleicht serviert. Dabei gibt es komische und melancholische Momente, der Anfangszauber einer aufkeimenden, noch zart unterdrückten Liebe streift die Sinne, Julie ist zuckersüß, Ethan keck-charmant, die Morgendämmerung in Wien, die Abenddämmerung in Paris, die Donau, die Seine, die Cafés, der Buchladen in Paris, der Dichter in Wien, die Kopfsteinpflasterstrassen…
     Natürlich ist die Dialoglastigkeit nichts für jeden. Ein Bekannter von mir fand die Filme langweilig: »Da passiert ja gar nichts.«
     Ich: »Stimmt eigentlich. Trotzdem passiert eigentlich viel. Wie ist es denn, wenn man sich verliebt?«
     Er: »Die labern ja nur.«
     Ich: »Ja, sicher. Aber Sprache ist doch das Schönste, was es gibt. Neben der Musik.«
     Er: »Da ging’s doch um nichts!«
     Ich schweige und überlege. Dann füge ich hinzu: »…und doch ging’s um alles.«

André Schneider

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