Filmtipp #23: Kaboom

Kaboom

Originaltitel: Kaboom; Regie: Gregg Araki; Drehbuch: Gregg Araki; Kamera: Sandra Valde-Hansen; Musik: Robin Guthrie, Vivek Maddala, Mark Peters, Ulrich Schnauss; Darsteller: Thomas Dekker, Haley Bennett, Chris Zylka, Roxane Mesquida, Juno Temple. USA 2010.

Kaboom

Nehmen wir einmal an, Pedro Almodóvar hätte eine abendfüllende Episode von »Beverly Hills, 90210« nach Storyboards von »Lost Highway« (Regie: David Lynch) gedreht. Die Kostüme wären von Travilla und die Frisuren von Vidal Sassoon entworfen gewesen, John Waters und Charles Busch hätten sich um die Dialoge und die Sets gekümmert. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ein Film wie »Kaboom« dabei herausgekommen wäre: eine knallbunte Achterbahnfahrt in Richtung Apokalypse mit irrwitzigen plot twists, kultverdächtigen Sprüchen und einer guten Prise deftiger Erotik. Die düstere Atmosphäre, die angesichts der Bonbonfarben und des rasanten Tempos (Schnitt: Araki persönlich) scheinbar etwas deplatziert wirkt, suppt sich erst nach dem ersten Drittel in den Film hinein. Und am Ende wird der ganze Karren buchstäblich gegen die Wand gefahren.

Schon während der bläulich ausgeleuchteten Anfangssequenz — ein Schachteltraum wie in »Chill Out« (Regie: Andreas Struck) — wusste ich, dass hier ein ganz besonderer Film auf mich zukommen würde. Ich hatte das Gefühl, Araki hätte sich in meinem Gehirn zu schaffen gemacht und meine erotischen Phantasien verfilmt. Die Handlung ist Nebensache, hier geht es um ein Lebensgefühl. Ein junger Mann verlässt die Sorg- und Verantwortungslosigkeit der Jugend und tritt in die Erwachsenenwelt ein. Ein großer Knall fürwahr. Apokalyptisch geradezu. »Kaboom« ist, ähnlich wie Hitchcocks »Marnie« (den ich bereits hier besprochen habe), ein Film über das Kindsein und das Erwachsenwerden. Die Erwachsenen: eine Sekte, die den großen finalen Knall ersehnt, der die Erde von ihrer Verdorbenheit reinigt.
     Smith (Thomas Dekker) steht kurz vor seinem 19. Geburtstag und ist gerade neu auf dem College. Mit seiner besten Freundin Stella (Haley Bennett) genießt er das Studentenleben in vollen Zügen und mag sich einfach auf nichts festlegen, weder sexuell — er ist für erotische Begegnungen mit Frauen und Männern gleichermaßen offen —, noch in Hinblick auf seine berufliche Zukunft. Drogen, Party, Sex, mehr verlangt er eigentlich gar nicht. Nur plagen ihn ab und an bizarre Visionen und Träume. Da ist zum Beispiel ein mysteriöses rothaariges Mädchen, das von drei unheimlichen Männern, die Tiermasken tragen, verfolgt, gequält und ermordet wird. Smith hat eine Affäre mit einer Engländerin namens London (Juno Temple), Stella hat eine lesbische Geliebte (Roxane Mesquida), die sich Lorelei nennt und sich als gemeingefährliche Stalkerin entpuppt. Sein heißer Zimmergenosse Thor (Chris Zylka), ein dauergeiler, strunzdummer Surfer, ist Smiths heimliche Sehnsucht. Ein verheirateter Mann und ein unschuldiger Kommilitone interessieren sich wiederum für ihn. Ein Kiffer sagt das Ende der Welt voraus. Ein Keks, in den Smith bei einer Party krachend beißt, scheint mit LSD beträufelt worden zu sein. Eine nicht greifbare Bedrohung schleicht sich mehr und mehr in sein hedonistisches Dasein — und entlädt sich schließlich an seinem Geburtstag. Ein dunkles Familiengeheimnis, das all seine Visionen und die merkwürdigen Begebenheiten miteinander verbindet, führt ihn zurück in seine Kindheit und zu seiner Mutter (Kelly Lynch)…

Die große Stärke von Gregg Arakis Filmen ist, dass sie — ähnlich wie die Filme von Almodóvar oder Fellini — sinnlich erfahrbar sind: Die Vitalität und Aggressivität in »The Living End« (1992), der Schmerz in dem Missbrauchs-Drama »Mysterious Skin« (2004) — man sieht diese Filme nicht nur, nein, man riecht, schmeckt und fühlt sie. Ähnlich seine Teenager-Trilogie »Totally F***ed Up« (1993), »The Doom Generation« (1995) und »Nowhere« (1997). »Kaboom« bildet da keine Ausnahme, wennschon der Film deutlich glatter ist als Arakis Frühwerke. Der Film ist, wie ein Rezensent schrieb, »weitestgehend sinnfrei, quietschbunt, mit etlichen pop- und subkulturellen Querverweisen« und »wohl einer der unterhaltsamsten und freizügigsten Filme des Jahres«. Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.

Leider wagte es hierzulande kein Verleih, Arakis schräge Komödie in die Kinos zu bringen, sie bekam lediglich einen DVD-Start, was schade ist, denn dies ist einer jeder Filme, die auf die große Leinwand gehören. So unterhaltsam, furios und schamlos-erotisch wurde der Weltuntergang wohl noch nie auf Zelluloid gebannt, und selten wird man so viele schöne Menschen — Männer wie Frauen — in einem Film versammelt sehen wie in »Kaboom«. Genau der richtige Film, wenn man sich in der grauen Jahreszeit nach etwas Ästhetik sehnt.

André Schneider

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