Filmtipp #22: Appetite

Appetite

Originaltitel: Appetite; Regie: George Milton; Drehbuch: George Milton, Charly Cantor; Kamera: Peter Thwaites; Musik: Dominik Scherrer; Darsteller: Ute Lemper, Trevor Eve, Christien Anholt, George Harris, Edward Hardwicke. GB 1998.

Appetite

Heute möchte ich mal wieder ein Kleinod aus der Abteilung »Schlechte Filme, die Spaß machen« vorstellen, auch diesmal wieder ein Werk mit bestechend guter Besetzung. Leider erschien dieser Film nie im deutschsprachigen Raum; ein richtiger Trash-Fan wird allerdings keine Schwierigkeiten haben, ihn aufzustöbern.

Das DVD-Cover lässt Hoffnungen auf einen Horrorfilm im Stil von »The Shining« (Regie: Stanley Kubrick), »The Omen« (Regie: Richard Donner) oder »The Exorcist« (Regie: William Friedkin) aufblühen, und die Werbezeile stimmt wirkungsvoll-schaurig ein mit den Worten: »Welcome to Room 207. Rest in Peace.«
     Schaut man sich »Appetite« dann tatsächlich von Anfang bis Ende an, wird man ein gewisses Gefühl der Enttäuschung nicht ganz abschütteln können, handelt es sich hierbei doch eher um einen fruchtig-sahnigen und reichlich verworrenen Psychodrama-Quark, bei dem die erlesene Besetzung einen etwas bitteren Nachgeschmack hinterlässt: Theaterlegende Trevor Eve spielt Jay, der ein kleines Bahnhofshotel betreibt, und Ute Lemper, die Perle aus dem Münsterland, gibt uns Greta, ein alterndes Ex-Porno-Model, das scharf auf Jay ist und unsäglich unter der Last ihrer Jahre leidet. Christien Anholt ist als sexy Matrose zu sehen, der in dem Hotel seinen Geburtstag feiert und gegen Ende des Films Frau Lemper ruppig durchbumst, bevor er das Zeitliche segnet.

Um den Film finanziert zu bekommen, drehte George Milton sein Erstlingswerk auf der Isle of Man. (Die Isle of Man Film Commission finanziert gerne Filme, die auf der schönen Insel gedreht werden.) Außenaufnahmen gibt es jedoch keine. Das Hotel soll an einem Bahnhof in der Nähe von Chinatown (ach was!) liegen. Oh, und spuken soll es dort (natürlich!) auch, es gibt da ein paar vage Andeutungen und einen geisteskranken Koch (der darf nicht fehlen!), eine Spannung, die in Mysterygefilde locken soll, wird aufgebaut — um am Ende zu verpuffen. Und im Abspann singt La Lemper noch den düster-betörenden Song »Whenever We Get Close (We Fall Apart)«.

Ute ist wirklich bemerkenswert. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade 33 Jahre alt, sieht sie ungeschminkt aus wie 45 und verbringt den Großteil des Films mit einer Riesendose Nivea vorm Spiegel. Nicht weniger als ein halbes Dutzend Mal betont sie, wie schlimm es ist, alt zu werden, wie schön sie einmal war, wie schwer es ihr fällt, Abschied von ihrer Jugend zu nehmen. Das macht sie für ihren (ebenfalls nicht mehr taufrischen) Angehimmelten auch nicht attraktiver. Flehenden Tons beschwört sie eine junge Asiatin: »Werd niemals so alt wie ich!«, und als Trevor Eve alias Jay ein altes Stück Holz aus der Wand reißt, kommentiert sie es sinister mit den Worten: »Es ist verrottet. Das passiert, wenn man alt wird.« In dem Moment, als der Zuschauer ihre Litanei kaum mehr aushält, wird sie vom Matrosen bestiegen; es bleibt unklar, ob es sich um eine Vergewaltigung handelt oder nicht — beileibe nicht die einzige Frage, die »Appetite« unbeantwortet lässt. Der Matrose wird von Jay erschossen. Dass es überhaupt so weit kam, lag am Zimmer 207, das jahrelang keine Seele mehr betreten hatte und nun während der Geburtstagsfeier für eine Reihe von Mutproben geöffnet worden war. Im Anschluss verlässt die Lemper frisch blondiert und bildschön das Hotel und den Film; die Proben zur Londoner »Chicago«-Inszenierung schlossen sich direkt an, Ute behielt hierfür Haarfarbe und Outfit bei. Als Velma Kelly sollte sie die kommenden zwei Jahre zunächst das West End und dann den Broadway erobern.

Und »Appetite«? Verschwand sang- und klanglos in der Versenkung, bis ihn ein US-Verleih Anfang des neuen Jahrtausends auf DVD herausbrachte. Der Film hat ein paar Momente, der ihn in camp-Manier fast unterhaltsam machen: Wenn Ute/Greta in einem alten Porno-Magazin ein Foto von sich findet (und der verblüffte Zuschauer entdeckt, dass das dürre Ding Russ-Meyer-taugliche Dutten hat) und dabei lächelt wie Shirley Temple oder wenn sie Christien Anholt nach dessen plumper Anmache am Frühstückstisch anschreit: »Was denkst du eigentlich, was ich bin? Ich bin nicht deine Hure!«, dann möchte man frenetisch applaudieren. Dramatischer hätte auch eine Lana Turner das nicht bringen können. Unglücklicherweise ist der Rahmen von »Appetite« so gar nicht mit Hollywood vergleichbar.
     Erst sechs Jahre später sah man sie wieder in einem (Fernseh-)Film: »Aurélien« (Regie: Arnaud Sélignac), nach dem Aragon-Roman. Sie spielt Rose Melrose, eine schillernde Diva im Paris der 1920er Jahre, singt Weills »Youkali« und hat erotische Momente, wenn sie zum Beispiel ein Glas Champagner über einen knackigen Männerpopo schüttet, um das prickelnde Zeug anschließend genüsslich abzulecken oder in edlen Roben durch die alten Theater lustwandelt. Nach 180 Minuten ist diese Wiese dann allerdings auch mehr als abgegrast.
     Anfang der 1990er Jahre machte Ute Lemper wirklich gute Filme, war eine bildschöne Killerin (»Coupable d’innocence«, 1993), verlor ein Auge während der Revolution in Moskau (»Moscou Parade«, 1993, brachte ihr eine Nika-Nominierung ein) und drehte mit »Combat de fauves« (Regie: Benoît Lamy) ihren besten Film, in dem sie und Richard Bohringer sich ein fast 90minütiges Duell im Fahrstuhl liefern. In Pierre Granier-Deferres Film über die letzten Tage der Marie-Antoinette gab sie eine oscarreife Vorstellung — leider erinnert man sich kaum an dieses Werk, es war seinerzeit ein kolossaler Flop. Im englischsprachigen Raum war Lempers Filmkarriere weniger berauschend. Für Regiefossil Robert Altman lief sie, im neunten Monat schwanger, nackt über die Pariser Laufstege (»Prêt-à-porter«, 1994) und in einer der schlechtesten Episoden der TV-Serie »Tales from the Crypt« spielte sie (wieder hochschwanger) die undurchsichtige Werbeagentur-Chefin Jacqueline, die Daniel Craig zuerst benutzt und dann flachlegt. Viele klangvolle Namen kreuzten ihren cineastischen Weg: Schlöndorff inszenierte sie, Greenaway gab ihr einen Kurzauftritt, für die BBC spielte sie sogar den alten Mozart auf dem Sterbebett, und an der Seite von Richard Chamberlain war sie in einem blamablen Aids-Drama die (überflüssige) weibliche Hauptrolle. Dann war da noch das verunglückte Whoopi-Goldberg-Vehikel »Bogus« (Regie: Norman Jewison), über das man gnädigerweise den Mantel des Schweigens breiten sollte. Schade, dass Altman seinen Plan, mit ihr ein Remake von »Mata Hari« zu drehen, nicht mehr in die Tat umsetzen konnte.

Ute Lemper ist eine sehr gute Schauspielerin mit einer schier unglaublichen Präsenz und Ausstrahlung, das sei unbenommen. Brillant ist jeder ihrer Auftritte, ganz gleich, ob auf der Bühne oder im Film. Unglücklicherweise scheint sie der Tradition vieler deutschsprachiger Schauspielerinnen verhaftet zu sein, gute Leistungen in schlechten Filmen zu bringen: Marlene Dietrich, Romy Schneider, Hildegard Knef oder auch Marisa Mell hätten Lieder davon singen können.

André Schneider

Advertisements