Filmtipp #18: Unwiderstehlich

Unwiderstehlich

Originaltitel: Irresistible; Regie: Ann Turner; Drehbuch: Ann Turner; Kamera: Martin McGrath; Musik: David Hirschfelder; Darsteller: Susan Sarandon, Sam Neill, Emily Blunt, Charles Tingwell, William McInnes. Australien 2006.

Irresistible

Nach »The Big Cube« (Regie: Tito Davison), über den ich hier geschrieben habe, ist dies wieder ein Film aus der Rubrik »Schlechte Filme, die Spaß machen«. Leider macht »Irresistible« nicht ganz so viel Spaß wie der LSD-Film, aber wenn man sich ein paar Freunde einlädt, kann das gemeinsame Lästern schon über diverse Ärgernisse hinwegtrösten. (Mein größtes Ärgernis war, damals 20 Euro für die DVD ausgegeben zu haben. Für das Geld hätte ich den Film praktisch selbst drehen können.)
     Die Filme der australischen Regisseurin Ann Turner mochte ich eigentlich immer. »Dallas Doll« (1994) beispielsweise war schräg, erotisch, witzig, wenn auch etwas sperrig. Zwölf Jahre hatte sie keinen Film mehr gemacht, und dann: »Irresistible« (dem ich gerne den deutschen Titel »Widerstehlich« gegeben hätte) mit Susan Sarandon. Ich sah die DVD im Regal stehen und griff blind zu. (In seinem Herstellungsland Australien war der Film ein Riesenflop. In den USA kam er gleich als DVD-Premiere auf den Markt. Schlechtes Zeichen.)

Wo soll ich nur anfangen? Susan Sarandon kann nicht schlecht spielen, und sie tut es auch hier nicht. Sie ist solide und hat sich wirklich Mühe gegeben, ihrer blass gestalteten Figur ein wenig »mehr« zu geben. Stellenweise mündeten diese Bemühungen in einem amüsant-unterhaltsamen overacting. Bei Drehbeginn bereits 59 Jahre alt, spielt sie eine junge Mutter — ihre Filmtöchter sind sieben und fünf Jahre alt —, die glaubt, ihre Familie vor einer Psychopathin (Emily Blunt) schützen zu müssen. Da keine guten Schauspielerinnen nachrücken, müssen jetzt Frauen jenseits der 50 junge Mütter spielen. Kim Basinger machte es in »Cellular« (Regie: David R. Ellis) vor. Da war sie 51, musste aussehen wie 32 und hatte einen präpubertären Sohn. Gut, Susan Sarandon ist nun der 70 näher als der 40. Fakt. Sie ist eine bildschöne, reife Frau mit einer ungeheuren Ausstrahlung. Sie gestaltet ihre Figuren mit Intelligenz und einer jahrzehntelang gereiften Sensibilität. Die junge Mutter, die im Garten mit ihren Kindern spielt, mag man ihr nicht mehr ganz abkaufen. Es sieht doch mehr so aus, als würde eine flotte Omi mit ihren Enkelinnen toben.
     Freuen kann man sich auch über Charles Tingwell in einer Nebenrolle, dem unvergessenen Inspector Craddock aus den alten »Miss Marple«-Filmen.
     Emily Blunt schlug sich wacker in dem verunglückten »Prada«-Film mit Meryl Streep. Ihr Film »My Summer of Love« (Regie: Pawel Pawlikowski) war ein zauberhaftes Kleinod, und für den Fernsehfilm »Gideon’s Daughter« (Regie: Stephen Poliakoff) erhielt die vielseitige Engländerin verdientermaßen einen Golden Globe. Von ihr werden wir noch einiges sehen und hören. In Ann Turners Film ist sie ganz gut besetzt und versucht, gegen das Skript anzuspielen, das jede Figur doch sehr eindimensional anlegte.
     Und dann Sam Neill! Er wird immer angeheuert, wenn man sich keinen guten Schauspieler leisten kann. Hier gibt er, blass wie immer, Sarandons besorgten Gatten, der sich in das Emily-Luder verguckt. Altbekannte Strickmuster also. Von vorne bis hinten vorhersehbar. Das allein macht es noch nicht schlecht, denn alles ist ja irgendwie schon einmal da gewesen. Auf die Umsetzung kommt es an, und die ist hier unter aller Kanone. Und ich meine noch nicht einmal die Löcher in der Logik oder die unfreiwillige Komik.
     »Irresistible« ist als Thriller angelegt, funktioniert als solcher aber nicht. 100 Minuten wartet man vergeblich darauf, dass sich Spannung oder wenigstens Atmosphäre aufbaut. Oft hat man das Gefühl, die Szenen wurden beliebig aneinander geklatscht, es fehlen Zusammenhänge, an allen Ecken und Enden sind Handlungslöcher sichtbar, die Figuren sind schlecht gezeichnet, die Dialoge abgedroschen. Ein Rezensent sprach von einer »platten, abgedroschenen Ansammlung von reizlosen Groschenroman-Szenen«, und in der Tat ist Turners lang erwartetes Werk nicht viel mehr als das. Vorhersehbar und holprig, visuell uninteressant und musikalisch uninspiriert plätschert »Irresistible« dahin, die Ereignisse kulminieren in einem völlig absurden Showdown, danach kommt der erwartete und unglaubwürdige »Clou« des Ganzen, die »Erklärung«, das »Ahaaa!« Völlig abstus. Wenn man dann noch wach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Diesen Film sollte man an Filmhochschulen zeigen. Er enthält auf beinahe jeder Ebene sehr prägnante Fallbeispiele, wie man es nicht machen soll. (Ann Turner hat übrigens seither keinen Regieauftrag mehr erhalten.) Blunt und Sarandon schlagen sich ganz gut durch, man kann sie nur bedauern. Das Making Of ist sehr interessant! Sarandon und Sam Neill sprechen lustlos vor sich hin, was sie am Drehbuch gereizt hat. (Man sollte sich öffentlich schließlich nicht schlecht über seine Filme äußern.) Beide wirken ziemlich desillusioniert und müde, Sarandon freute sich aber, »mal in Australien zu arbeiten«.
     Für Trash-Fans ganz spaßig dürfte die Szene mit den animierten Wespen sein, die sich in einer Porzellaneule verstecken und über die verdutzte Susan Sarandon herfallen. (Ernsthaft!) Oh, und das Emily-Luder ist übrigens deren Tochter, die sie seinerzeit zur Adoption freigeben musste und die sich jetzt für ihre Vernachlässigung rächt. Das heißt, sie ist nicht ganz ihre Tochter, sondern… Zu viel will ich dann doch nicht verraten, falls es doch noch jemanden gibt, der den Film sehen möchte. Allerdings empfehle ich, sich den Film allenfalls auszuleihen. Vielleicht im Doppelpack mit »I Know Who Killed Me« (Regie: Chris Sivertson)? Danach hat man reichlich Stoff zum Nachdenken.

André Schneider

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