14. August 2011

Beschämend, wie herablassend sich einige Schreiberlinge über Xavier Dolan auslassen; einige bescheinigten ihm sogar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Sicher, seine beiden Erstlingswerke »J’ai tué ma mère« (2009) und »Les amours imaginaires« (2010) sind in allererster Linie filmische Liebeserklärungen an ihn selbst — aber eben doch auch viel, viel mehr. Filme von geradezu hypnotischem Wagemut, eine kraftvolle Mischung aus Naivität und Reife, faszinierend schön, humorvoll, unterhaltsam, klug, verspielt. Man entdeckt ein bisschen von dem frühen François Ozon ihn ihnen, fühlt sich an die leidenschaftlichen Frühwerke Almodóvars und die Komplexität Hal Hartleys erinnert, und gewiss stand auch Jamie Travers für einige von Dolans Ideen Pate. Vielleicht sind es keine Meisterwerke. Das muss auch nicht sein. Xavier Dolan ist wie alt? 21 oder 22? Dass er überhaupt zwei so gelungene Filme als Autor, Regisseur, Hauptdarsteller, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter und was weiß ich noch alles in die Kinos gebracht hat, verdient Hochachtung und keine Häme. Aber mit Missgunst würzen die Neider ihre Kritiken am liebsten, und wenn jemand klug, attraktiv, selbstbewusst und auch noch vielseitig begabt ist, hetzen sie besonders gerne. (Der muss doch klein zu kriegen sein!) Auch Barbra Streisand wurde angegriffen, als sie nicht nur spielen, sondern auch schreiben, produzieren, komponieren und Regie führen wollte. Die brillante Elaine May bekam nach ihrem (einzigen) Flop »Ishtar« nie wieder einen Regieauftrag. Orson Welles wurde das Arbeiten immer schwerer und schwerer gemacht, bis ihn die ewigen Kämpfe müde gemacht hatten und er schließlich resignierte. Ihn erreichte die verdiente Anerkennung erst post mortem. Jerry Lewis, Charlie Chaplin, Maya Deren, Woody Allen, Roman Polanski und viele andere, die vor und hinter der Kamera aktiv waren, mussten sich bei aller Anerkennung immer auch die Seitenhiebe ob ihrer vermeintlichen Eitelkeit gefallen lassen. (Bei den Frauen wurde natürlich doppelt so hart zugeschlagen.)
     Gerade habe ich die Autobiographie von Tony Curtis gelesen. Hätte nicht gedacht, dass ich das mal tun würde, wo ich ihn nie sonderlich leiden konnte, obschon er in einigen meiner Lieblingsfilmen mitspielte: »Trapeze« (Regie: Carol Reed), »Sweet Smell of Success« (Regie: Alexander Mackendrick), »The Defiant Ones« (Regie: Stanley Kramer), »Some Like It Hot« (Regie: Billy Wilder), »Don’t Make Waves« (Regie: Alexander Mackendrick), je drei Filme mit Richard Quine und Blake Edwards und so weiter. Ein armer, reicher Mann mit einem verqueren Frauenbild. Die Lektüre seines Buches streckte mich unvermutet nieder, und das nicht im positiven Sinn. Wobei die Ausdauer, mit der er seinen steinigen Weg vom armen Straßenjungen aus der Bronx an die Spitze Hollywoods zurücklegte, in der Tat bewundernswert ist. Aus dem ungarischen Juden Bernie Schwartz wurde durch mühsame, jahrelange Arbeit der Frauenschwarm Tony Curtis. Sieben Jahre lang musste er sich schlecht bezahlt durch rund 30 B-Movies spielen, bevor man ihm endlich eine gute Rolle gab, doch die künstlerische Anerkennung für seine Arbeit — den Oscar, den er sich so sehr gewünscht hatte — verwehrte man ihm bis zuletzt.
     Einer meiner Lieblingsdialoge aus »The Awful Truth« (Regie: Leo McCarey) würde einem Außenstehenden perfekt diesen Sommer veranschaulichen: »Sieh dir bloß diesen Regen an!« — »Wieso, tut er noch was außer fallen?« Aber ich möchte mich nicht beklagen, mir ist ein wenig Regen noch immer lieber als brütende Hitze. Nur leider jammert um einen herum jeder über das Wetter, als ob man es dadurch ändern könnte. Ich habe das wechselhafte Wetter jedenfalls produktiv genutzt. Mehr dazu in Kürze.
     Liebe Grüße aus Berlin, kommt gut in die Woche.

André

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