Drehtagebuch »Blues«

Tú gobiernas mis movimientos y respiro tu aire. Sólo tú puedes rescatarme. Ésta es mi oración.

5. August 2006.
     Zum ersten Mal (in immerhin fast sieben Jahren Berlin) auf der Pfaueninsel. Was für eine Märchenwelt, und noch dazu ein echtes Naturschutzgebiet. Auf der Insel darf nicht einmal geraucht werden. Wir — Barbara, Markus, David und ich — verbrachten gestern Stunden dort, um Drehorte für »La voix humaine« auszukundschaften. Doch so bezaubernd die Insel auch ist, es passt einfach nicht. Zunächst einmal sind viele Touristen unterwegs, dann muss man um spätestens 20 Uhr verschwunden sein, und außerdem schwebte mir eine wilde, beinahe feindselige Umgebung vor, und die Pfaueninsel ist eine gepflegte Parkanlage, sogar die Ruinen und Baumstümpfe wirken wie frisch geputzt. Also werden die Dreharbeiten nächste Woche doch in der Nähe von Reinickendorf beginnen. Dort gibt es ein stilles Waldstück mit einem kleinen See, dahinter ein Feld. Im Verlauf der Handlung wird die Protagonistin einen Weg zurücklegen, der bei dem See beginnt, sie durch Gestrüpp und wilden Wald führt und letztendlich auf offenem Feld (ein Symbol zugleich für Offen- und Freiheit und Leere) endet. Die Idee, das Theaterstück von der Bühne bzw. der Wohnung hinaus ins Freie zu holen, gefällt mir gut. Es gibt uns mehr gestalterische Optionen, wir können visuell vielseitiger erzählen, und auch für die Schauspielerin ergeben sich ganz neue Perspektiven, Reize und Improviationsmöglichkeiten. Es ist fürwahr aufregend, und ich bin flitzebogenmäßig gespannt.

10. August 2006.
     Abgesehen davon, dass unsere Hauptdarstellerin um ein Haar im Moor versunken wäre, lief der Drehstart von »La voix humaine« ausgesprochen gut. (Hoffentlich kein schlechtes Omen.) Der Auftakt in dem Abrisshaus mit den besprayten Wänden und den zerschlagenen Fenstern — visuell einfach wunderbar. Barbara wandelt wie zerschlagen durch diese Ruine, raucht wie ein Schlot und wartet auf den Anruf des Liebsten. Das Herz könnte einem brechen. Ich freue mich jetzt schon auf den Schnitt. Was werden wir da zaubern können! Nach der Ruine dann der See (der sich als Moor entpuppte). Das Handy klingelt einfach nicht, sie starrt aufs Wasser, raucht, nimmt die Sonnenbrille ab, steht auf und schreitet langsam hinein. Sie ist bereits bis zu den Hüften im Wasser, als das Telefon schließlich doch klingelt…
     Morgen geht’s weiter, ich freue mich schon, denn die Stimmung am Set ist sehr entspannt.

12. August 2006.
     Thema des Tages: Warum Mücken in Seen nisten. Der gestrige Arbeitstag verlief glücklich. Wenn man von den Mückenschwärmen absieht. Zwar konnten wir erst gegen 16 Uhr beginnen — es hatte geregnet —, dennoch schafften wir gut zehn Minuten Film. Ein überdurchschnittlich gutes Ergebnis. Der Ton ist glasklar, Barbaras Spiel große Klasse und die Kameraarbeit wunderbar! Ich liebe die Einfachheit, die langen Takes, die soften Bewegungen. »La voix humaine« wird ein guter Film. Die Art, wie Barbara Cocteaus Zeilen spricht, rührt mich zu Tränen. Sie schlüpft in diese Frau, beatmet sie, durchwandert ihr Wesen. Stefan Preuhs war beim Dreh dabei und fotografierte. Ich bin gespannt auf seine Ergebnisse. Er wird uns auch bei dem Webauftritt helfen. Ein witziger, hundekuchenguter Mensch (wie alle Fotografen); ich bin sehr froh, ihn durch diesen Dreh kennen gelernt zu haben.

Dreharbeiten zu Blues

13. August 2006.
     Es regnet Bindfäden, trotzdem werden wir heute wieder in den Wald fahren, um den Cocteau voranzutreiben. Markus, Barbarella und ich sind schon am ganzen Leib zerstochen, Frau Kowa hat sich zudem auch noch eine Erkältung zugezogen; so ein Dreh fordert Opfer.

19. August 2006.
     Wieder ein Drehtag — der siebte — ist vorbei, wir sind inzwischen alle überall zerstochen (wie viele Mücken mag es in einem einzigen Wald geben?), aber Cocteau ist’s wert, ist alles wert, was da noch auf uns zukommen wird.
Barbaras Spiel überzeugt mich nach wie vor, Markus Schallers Kameraarbeit ist so innovativ, wie sie unter diesen Umständen nur sein kann, das Ton-Equipment von Camelot Media leistet gute Dienste, und David und Stefan helfen uns wirklich sehr.

Das Stück lädt wirklich zur Theatralik ein: Eine Frau wartet auf den letzten Anruf ihres Geliebten, der sie wegen einer anderen verließ, und dreht fast durch. Die Jahre, die sie mit ihm durchlebte, der gemeinsame Hund, ein gescheiteter Selbstmordversuch, das ewige Warten auf seinen Anruf … und die Lüge, die ewige Lüge zwischen Liebenden: Sie lügt, um ihm die Trennung leichter zu machen, er lügt, um ihr nicht noch mehr weh zu tun. Sie spielt ihm vor, sie sei stark und es ginge ihr gut, dann wieder bricht ihr Gerüst zusammen, sie weint, bittet und bettelt. Wieder und wieder bricht ihre (telefonische) Verbindung zusammen.
     Wir haben uns entschlossen, die Frau nicht als Opfer ihrer Liebe zu zeigen, sondern als eine starke Persönlichkeit, die nicht aus Schwäche leidet, sondern aus Leidenschaft. Um das Leid zulassen zu können, muss man stark und leidenschaftlich sein. Die Frau, die Barbara verkörpert, ist stark und beängstigend leidenschaftlich.
Die letzten Worte des Stückes lauten: »Mein schöner Liebling! Jetzt bin ich tapfer. Jetzt darfst du auflegen. Leg auf, rasch! Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.« Sowohl die Knef als auch die Bergmann spielten diese Schlussworte mit beinahe unerträglichem Pathos; sie waren die typischen Opfer und gingen an ihrer aufopfernden Liebe zugrunde. In unserer Fassung wird es so sein, dass die Frau durch ihre Liebe wächst, dass diese Liebe sie befreit und weitermachen lässt. Sie kann den Geliebten gehen lassen, denn ihre Liebe zu ihm bleibt und macht sie stark.

Wir haben das Stück aus der Wohnung in den Wald verlegt. (Cocteau schrieb das Stück 1930, und sämtliche Verfilmungen spielen natürlich in der Wohnung der Frau, wo sie auf ihrem Bett hockt und auf das Klingeln des Telefons wartet.) Diese Kulisse bietet sowohl uns (als Kameramann, Regisseur und Cutter) als auch der Schauspielerin großartige Entfaltungsmöglichkeiten.
     Der Film beginnt in einem alten Abrisshaus. Die junge Frau irrt durch die Gegend, isst einen Schokopudding mit den Fingern, raucht, starrt auf ihr Handy, die verheulten Augen hinter einer großen Sonnenbrille versteckt, die Haare zerzaust. Sie trägt nur ihr Nachthemd und einen rosa Mantel. Sie murmelt unverständlich vor sich hin, läuft durch das Haus, wartet, wartet, geht dann zu einem Waldsee, starrt aufs Wasser. Sie wirkt desolat, neben sich, ihr Seelengarten scheint verwüstet. Schließlich geht sie ins Wasser, entschlossen, sich zu ertränken, doch dann — sie ist bereits bis zur Brust versunken — klingelt das Handy doch. Während des Gesprächs arbeitet sie sich durch den Wald, verweilt auf einer Wiese, legt sich ins Gras, kämpft sich durchs Gestrüpp und tut für ihn so, als sei sie daheim. Am Ende, als sie auflegt, verlässt sie den Wald, und vor ihr tut sich ein riesiges, offenes Feld auf. Die Leere. Die Freiheit. Der neue Abschnitt.

Am Montag drehten wir auf der VooV in Putlitz. Was dabei rausgekommen ist, wird sich noch zeigen.

21. August 2006.
     Heute war der letzte Drehtag. Bei Regen auf der Pfaueninsel — nun also doch! —, den ganzen Resttag mit feuchten, kalten Klamotten über die Insel gefegt. Ich glaub, das war wie eine Einladung für die liebe Frau Grippe. Sie wird vermutlich in der kommenden Nacht anklopfen — »Guten Abend, darf ich reinkommen? Ich hab auch Fieber mitgebracht!« —, ich werde morgen davon berichten.
     Der Film wird sehr speziell, aber wun-der-schööön! Jetzt wird erst einmal geschnitten, digital nachbearbeitet, vertont und korrigiert. Bis der Film fertig ist, ist’s bestimmt Dezember.
     Jetzt bin ich fix und alle, werd mir Miguel Poveda anhören und freue mich auf das nächste Projekt (»Betrogen« von Harold Pinter). Mehr dazu die Tage, das Bettchen ruft. Vorher noch ein Teechen und ein Tröpfchen Selbstmitleid. (Der Rücken tut schließlich auch weh.)

André Schneider

Um einen ersten Ausschnitt aus Blues zu sehen, klicken Sie bitte hier.

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