10. Februar 2011

Das erste Quartal des neuen Jahres liegt hälftig hinter uns, am Horizont kann man bereits den sich anpirschenden März erspähen. Fliegende Zeit. Meiner Arbeit kann ich schmerzbedingt nicht in dem Maße nachgehen, wie ich gerne würde. Eingekeilt zwischen dem ärztlich vorgeschriebenen Schonzwang und der aus mehreren Quellen gespeisten Blockade, befinde ich mich in einem kreativen Vakuum. Obwohl ich es noch nicht bin, fühle ich mich alt. An manchen Tagen kommt es mir vor, als würde ich jede Muskelfaser, jede Sehne, jedes Gelenk und jeden Knochen einzeln spüren; es ist, als würde mein Körper sich selbst abstoßen wollen. Nun hatte ich mir selbst versprochen, über wirklich Privates nicht öffentlich zu schreiben, und ich möchte es auch jetzt nicht tun.
     Für den im Spätherbst 2010 begonnenen Roman werde ich viel recherchieren, skizzieren und meine herkömmliche Herangehensweise durchbrechen müssen. Besonders Letzteres wird mir schwer fallen. Dennoch beglückt mich diese Arbeit, so zeitintensiv sie auch werden wird. Nachdem ich mich so lange damit befasste, Geschichten filmisch zu entwickeln und zu erzählen, empfinde ich die literarische Auseinandersetzung jetzt noch stimulierender und befreiender. Darüber hinaus hängen sechs Filme — teils konkret, teils lediglich als vage Ideen — in der Warteschleife (unter anderem die lang aufgeschobene Verfilmung von Ende.); mal schauen, ob, wann und wie es wozu kommen wird.
     Eine freudige Nachricht am Rande: Dieses Jahr wird Blues, meine Cocteau-Verfilmung mit Barbara Kowa, endlich uraufgeführt werden. Fünf Jahre ist es her, dass wir in Putlitz, Schildow und auf der Pfaueninsel diesen klassischen Monolog filmisch einfingen. Gerade erst las ich meine Drehtagebücher aus dieser Zeit und darf sagen, dass es nicht nur mein letzter wirklich gelungener Film war, sondern auch der letzte, für den ich morgens gerne aufstand. Ein harmonisches Miteinander, eine kreative Auseinandersetzung mit einem Autor und seinem Text ohne die hinderlichen und enervierenden Intrigenspiele mittelmäßiger Schauspieler, die eine gute Rolle auf ihrem Jahrmarkt der Eitelkeiten missbrauchen und den Film auf diese Weise sodomitisch vergewaltigen. Der Rahmen für Blues war denkbar intim, an manchen Drehtagen waren wir nur zu dritt: Barbara als Schauspielerin, der Kameramann Markus Schaller und ich. Nach Der Mann im Keller war Blues meine zweite Arbeit als Regisseur, in beiden Fällen handelte es sich um ein verfilmtes Bühnenstück — vermutlich stehe ich dem Theater doch näher, als ich es mir oft zugestehen mochte. (In Aus der Umarmung des Wassers schrieb ich: »Das Theater (…) war für mich so etwas wie ein entfernter Verwandter, den man zwar auf eine bestimmte Weise liebt, der einem aber trotzdem immer ein wenig fremd bleibt.«)

André Schneider Foto: T. C. Juon

 

 

 

 

Absolute Priorität hat momentan ein kleines Projekt, das eine musikalisch-lyrische Richtung einschlägt. Das Suchen und Finden von Texten im Vorfeld einer Lesung ist schön. Qualvoll schön. Man kommt den Dichtern nahe, taucht so tief in ihre Phantasie, in ihre Welt ein, dass man ganz benommen durchs Leben schreitet und sich im Alltag nur schwer zurechtfindet. Stephen Sondheim, Ogden Nash, Kurt Cobain, Philip Ridley, Étienne Daho, Jacques Prévert, Léonard Lasry und Friedhelm Kändler in einem gemeinsamen, dreisprachig gewobenen Nest. Mehr möchte ich erst schreiben, wenn das Unterfangen konkreter, fassbarer wird.

André Schneider Foto: T. C. JuonAndré Schneider Foto: T. C. Juon

 

 

 

 

Drei kleine Filmtipps zum Abschluss: Darren Aronofskys fünfter Spielfilm, der fulminante und verführerisch-schöne Psychothriller »Black Swan«, ist zugleich sein fünfter Film zum Thema Besessenheit. Schwer zu sagen, wo man mit dem Lob ansetzen soll. Nur soviel: Sollte Natalie Portman wider aller Erwartungen den hart erspielten Oscar nicht bekommen, verliere ich jedes Restvertrauen in die Academy Awards.
     Tom Tykwers »Drei« ist sein mit Abstand gelungenster Film seit »Die tödliche Maria«, mit verblüffender Leichtigkeit und Wärme erzählt und mit einem wahrlich bezaubernden Schauspieler-Trio auftrumpft. Vor Sophie Rois kann man sich nur ehrfürchtig verneigen.
      Mit »Heartless« hat Philip Ridley nach 15 Jahren Kinoabstinenz wieder ein innovatives Werk herausgebracht, das unbestreitbar zum Besten gehört, was das englische Kino seit der Jahrtausendwende hervorgebracht hat. Die Hauptrolle spielt Jim Sturgess, wie immer ungewöhnlich und mutig in der Wahl seiner darstellerischen Mittel.
     Und schon verabschiede ich mich wieder — aber nicht, ohne meine herzlichsten Grüße an Euch zu senden und mich für die vielen freundlichen Mails und guten Wünsche zu bedanken.

André

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