30. Dezember 2010

Die künftigen Menschen

Sie werden Kraft und Zartheit sein.
Sie werden die eiserne Maske der Wissenschaft zerbrechen,
um die Seele auf dem Antlitz des Wissens sichtbar zu machen.
Sie werden Brot und Milch küssen
und mit der Hand, die das Haupt ihres Kindes streichelt,
aus dem Gestein Metalle und Eisen schürfen.
Mit den Gebirgen werden sie Städte errichten.
Ohne Hast werden ihre riesigen Lungen
Gewitter und Stürme einatmen,
und die Ozeane werden ruhen.
Immer erwarten sie den unerwarteten Gast
und haben für ihn gedeckt
den Tisch und auch ihr Herz.
Möget ihr ihnen ähnlich sein,
dass eure Kinder mit Lilienfüßen
unschuldig das Blutmeer durchschreiten,
das zwischen uns liegt und ihnen.

(Attila Jószef, 1905—1937)

André Schneider

Die ärztlich verordnete Zwangspause hat auch ihr Gutes. Man schmökert wieder. Etwas, wozu ich arbeitsbedingt lange nicht gekommen war. Bücher von Oliver Uschmann, Jess Jochimsen und Eric-Emmanuel Schmitt wurden hervorgekramt, ich las in den Autobiographien von Brando, Vanessa Redgrave und Rachel Roberts sowie die Bücher von Richard David Precht und Marc-Uwe Klings »Känguru-Chroniken«. Abends aß ich Dominosteine im Bett und sah Filme wie Zeffirellis »Romeo and Juliet« mit dem schönsten Romeo von allen, Leonard Whiting, »Twisted Nerve« (Regie: Roy Boulting) mit der blutjungen Hayley Mills oder »On the Waterfront« (Regie: Elia Kazan), nach langer Zeit zum ersten Mal und wie immer völlig berauscht von Brandos Szenen mit Eva Marie Saint: so wahrhaftig, so klar und mit so feinen Nuancierungen, wie es nur die besten Schauspieler fertig bringen.
     Blake Edwards starb im würdevollen Alter von 88 Jahren und hinterließ unvergessliche Meisterwerke: »The Pink Panther«, »A Shot in the Dark«, »Days of Wine and Roses«, »The Party«, »The Great Race«, »Victor/Victoria« und natürlich »Breakfast at Tiffany’s«. (Siehe auch hier.) Nachdem unlängst Patricia Neal das Zeitliche segnete, ist Mickey Rooney nun der letzte, der von »Breakfast at Tiffany’s« noch am Leben ist. Traurig fürwahr.

In der Tarotsitzung kurz nach meinem Geburtstag zog ich als Jahreskarte den »Turm«, la maison de Dieu, eine der krasseren Karten. (»Der Turm« weist auf eine Zeit der Prüfungen hin: Zusammenbruch der bisherigen Beziehungen und Traditionsbindungen, Verlust von Freundschaften, komplette Änderung der Lebensweise und der Weltanschauung; geschäftlich ggf. auch Konkurs. Immer geht es um einen Verlust von Sicherheit, Liebe, Vertrauen. Diese Lebensprüfung kann natürlich auch zu einer Befreiung führen und eine Chance zum Neuanfang bieten.) Der Versuchung, an dieser Stelle die gewohnte Jahresbilanz zu ziehen — einer Art »Zensurenverteilung« an das Leben, wie die Knef es genannt hätte —, werde ich nicht nachgeben; sie würde auch nicht allzu positiv ausfallen. (Siehe auch hier.)
     Berlin scheint leergefegt. Nikolaus Firmkranz ist wieder zurück nach Österreich, Barbara spielt noch für eine ganze Weile Theater in Frankfurt am Main, andere Freunde haben Jobs in Hamburg, Mannheim oder Stuttgart. Die Wohnung wird allmählich heimelig. Meine Schwester verlegte Anfang des Monats im Obergeschoss Laminat, die Wände sind gestrichen, Regale und Schränke zum Großteil eingeräumt.
     30. Dezember 2010. Um diese Jahreszahl noch einmal zu schreiben. Eingang in ein neues Jahrzehnt. Das Jahr wölbt sich. Mit einer seltsamen Mischung aus Bedrückung und Energie schaue ich voraus. Ob die Menschheit es schaffen wird, die kleine Chance zu nützen, und unser Gestirn, genannt Erde oder Welt (wie eigentlich — ?) zu erhalten? Lebensmöglich zu erhalten?
     Morgenlicht hat immer die Hülle einer Versammlung. Ausklang der gewesenen Zeiten. Möglichkeiten erhalten sich rein. Laublose Bäume, die im Zwielicht rötlich leuchten.
     Ich wünsche Euch für 2011 nicht nur Licht und Liebe, sondern vor allem Gesundheit und kraftvolle Gelassenheit.

André

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