3. Juni 2010

»1539 und DEED POLL«
Bericht von Sebastian Herold, 6. Februar 2008.

Als ich mir Deed Poll (Ingo J. Biermann, Deutschland 2004, 35mm, 42 Min.)  zum ersten Mal ansah, spürte ich eine Mischung aus Ekel, Faszination und Scham.

Abstract:
     Deed Poll erzählt die Beziehung zweier reicher Geschwister, Sean und Ivy Poll, die nach dem gewaltsamen Tod der Eltern ihre lange verheimlichten Leidenschaften freilassen und nichts mehr darauf geben, den gewohnten »schönen Schein«, den sie durch ihre vornehme Erziehung aufgezwungen bekamen, zu wahren. Sie schaffen sich einen wertfreien Raum in ihrer Villa, in dem sie ihre Leidenschaften und Fantasien unreflektiert und unkontrolliert in die Tat umsetzen. (Zitat des Regisseurs.)

Der Einstieg in Deed Poll gestaltet sich recht schwierig, so sehen wir Sean als moralischen Eckpfeiler, der emotional auf den Mord an seinen Eltern reagiert. Ivy hingegen scheint diesen Schritt entweder nie gegangen zu sein, oder aber sie hat ihn bereits »übergangen«. Uns bleibt ein inhaltliches Eintreten zu diesem Zeitpunkt aus zweierlei Hinsicht verwehrt: so werden hier zum einen zwei unterschiedliche, gar kontrastierte Moralvorstellung nur grob skizziert (vor einer zwar sehr schönen, jedoch unglücklich gewählten Kulisse am Kasino im Schlossgarten Glienicke), und zum anderen wird der Hinweis, dass es sich um eine (körperliche) Geschwisterliebe handelt, ganz subtil angedeutet.

Im weiteren Verlauf des Filmes, verschwimmen diese Moralvorstellungen gänzlich, was in einem Punkt sehr spannend ist: es gibt — ohne dass es explizit gezeigt wird — Einblicke in menschliche Abgründe. So gibt man sich den Drogen und den sexuellen Tabus des Dreiers/Vierers hin, in denen homoerotische Augenblicke mehr zählen als heteroerotische. Es ist anzunehmen, dass Biermann hier die letzten Zentimeter des Schamgefühls nicht übertreten wollte, möglicherweise aus Respekt vor der unsichtbaren Präsenz der Liebe, auf deren Suche sich mindestens zwei der Hauptprotagonisten befinden.

Die Schlüsselfigur in dieser entmoralisierten Fabel ist Nathaniel (hervorragend gespielt von André Schneider, der gleichzeitig Drehbuchautor dieser Geschichte war), der als homosexueller Callboy ein Gefühl weckt, das rein zu sein scheint, jedoch vor dem Hintergrund der Unmoral wie eine abstrakte Skulptur wirkt. Die mehr als eindeutigen sexuellen Handlungen, die Drogen, die Obsession für Karten bilden eine undurchdringliche laute Mauer aus Hemmungen, der wir als Beobachter nur schamvoll gegenüberstehen können. Hinter dieser Mauer — und das ist bemerkenswert an dem Film — befindet sich etwas, das mehr oder weniger das verkörpert, das Sean in der Einstiegssequenz noch darbietet: Unschuld.

So erträgt Ivy in einer Einstellung das Gefühl während sexueller Handlungen nicht, das die Karten auf ihrer Haut hinterlassen. Es scheint, dass der innere Wunsch nach Moral und Liebe sich aus den Ketten des aktuell Passierten sprengen will. Sie sieht in Nathaniel etwas Rohes und doch Sensibles, das jenseits von unmoralischen Grenzen existiert. Es ist nicht sein Körper, vielmehr seine Seele, die sie anzuziehen scheint.

Es sei noch viel mehr zu sagen, ich bin jedoch der Meinung, dass sich jeder selbst ein Bild machen sollte.

Abschließend kann man zu Deed Poll folgendes sagen:
     Hinter der ganzen s/w-Ästhetik, den Drogen, der inzestuösen Beziehung verbirgt sich etwas Tieftrauriges: der Wunsch nach Moral. Die unmoralischen Handlungen werden vor dem Hintergrund der versteckten und verschleierten Gedanken und Gefühle zu einer Suche nach etwas Unschuldigem. Erotik und Thriller (wie Angaben zu diesem Kurzfilm belegen) halte ich für völlig falsche Kategorien. Geht man nach dem Sichtbaren — möglicherweise. Die Message verbirgt sich jedoch hinter den subtilen Gesten, die ein scheinbar »krankes« Trio miteinander teilt. Hier passiert etwas. Etwas sehr Interessantes. Um es zu verstehen, sollte man seine eigenen Moralvorstellungen ersteinmal zurückstellen.

Dann begreift man auch, worum es in diesem wirklich sehr gelungenen Kurzfilm eigentlich geht. Und jenes Etwas ist etwas sehr schönes und gleichzeitig sehr trauriges.
     Wirklich empfehlenswert.

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