9. November 2009

Alex und der Löwe

Wie immer mussten viele Hürden genommen werden, und diesmal waren einige besonders hohe dabei. Alex und der Löwe, mein erstes eigenes Filmprojekt seit dreieinhalb Jahren, genießt gerade seinen Feinschliff — in vier Wochen muss, soll und wird er fertig sein! Der Rohschnitt versprach viel, ich kann meine Aufregung, Freude und Verwunderung kaum in Worte gießen.
     Immer noch spüre ich die Anspannung und die Anstrengungen dieses Sommers in den Gliedern: Siebentagewochen (nur drei freie Tage in vier Monaten), manchmal 19 Stunden Arbeit am Tag, finanziell angeschlagen und in Sachen Motivation oft kein gutes Beispiel für die anderen. Am letzten Drehtag fiel plötzlich alles von mir ab, ich sank bei der Abschlußfeier im Karvana selig und erschöpft zusammen, meine Arme um Chelitos Bäuchlein bildeten einen Äquator des Glücks.

Das Interesse an unserem Film war schon während der Dreharbeiten ungewöhnlich groß, Alex und der Löwe stand — und das spürten wir alle! — trotz zum Teil grotesker Produktionsbedingungen unter einem guten Stern. Es war das richtige Projekt zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen. Die Widrigkeiten wurden durch den Spaß, den wir einander bereiteten, beiseite gewischt, und wenn sich ein Problem auftat, so kam die Lösung wie ein kleines Wunder immer rechtzeitig (und aus meist unerwarteter Richtung). Wir hatten so viel Freude, dass wir uns bereits vor Drehende fest für die Fortsetzung im kommenden Jahr verabredeten. (Wir freuen uns jetzt schon wie bekloppt darauf!)

Aber noch ist Alex und der Löwe nicht fertig, und es gibt viel zu tun. Neben Feinschnitt, Synchronisation und Vertonung, Tonabmischung, Farbkorrektur und so weiter werden jetzt die Anmeldungen für die Festivals ausgefüllt — Yuri und ich haben weltweit insgesamt 22 ins Visier genommen —, das Plakat entworfen, die Pressemappe erstellt, die englischen und spanischen Untertitel gemacht. Der Trailer wurde schon weit über 2.000 Mal gesehen, die beiden Teaser jeweils rund 350 Mal, und unser Musikvideo für den Titel »Promis« von Emmanuel Moire, den wir erst vor 24 Stunden online gestellt haben, hatte bis jetzt fast 200 Klicks. Diesen Clip, den Ütz und ich uns  in mühevoller Schnetzelarbeit am gestrigen Sonntag erarbeiteten, mag ich ganz besonders, weil er die luftig-leichte, warme Atmosphäre dieses Hochsommerdrehtages wiedergibt:

2009 war ein ergiebiges Jahr, auf das ich gern zurückblicke. Aus der Umarmung des Wassers erschien im Februar und verkaufte sich gar nicht so übel, wenn man den peinlich hohen Ladenpreis bedenkt. Dieses Baby liegt mir von all meinen schriftstellerischen Arbeiten am meisten am Herzen, es verschlang besonders viel Zeit und Kraft. Die Freude, als es endlich zur Welt kam, war immens!
     Auch gesundheitlich ging es mir (abgesehen von einigen Wochen im April und Mai) das ganze Jahr über blendend. Lange schon fühlte ich mich nicht mehr dermaßen kräftig und kreativ. Ich begegnete interessanten Menschen, Freundschaften entstanden oder wurden wieder belebt, und ich kam einige Male »meiner Mitte« wieder richtig nahe. (Zitat: »Meine ›Mitte‹ finden? Kein Problem! Ich rase häufig an ihr vorbei, auf meinem Weg von einem Extrem ins andere.« Ulla Meinecke)
     Abschiede gab’s zwei: Am 5. Februar starb meine Oma einen beneidenswert schönen Tod im Alter von immerhin 80 Jahren, und im Juli endete eine »Freundschaft«, die 2006 begann und in der ich der gebende und der andere der nehmende Part gewesen war.

Mit »Avril« (Regie: Gérald Hustache-Mathieu), »Le premier jour du reste de ta vie« (Regie: Rémi Bezançon) und »Le fils de l’épicier« (Regie: Eric Guirado) sah ich 2009 drei der schönsten Filme meines Lebens, ich las tief bewegt »Das Zimmer« von Helen Garner, schmunzelte über Royce Buckinghams »Dämliche Dämonen«, und Cassandra Wilson, Róisín Murphy, Chairlift, Ben Taylor und viele, viele andere lieferten den Soundtrack dazu.
     2009 jährte sich mein Umzug nach Berlin zum zehnten Mal, am 1. Oktober 1999 begann für mich das Abenteuer Leben in der Großstadt. (Wie alt war ich doch gleich?)

Der 9. November. Vor zwanzig Jahren fiel die Mauer, man fügte zusammen, was zusammen gehört. Vor 71 Jahren, ebenfalls am 9. November, brannten über 1.400 Synagogen in der Reichspogromnacht. Über 400 Juden wurden ermordet, etwa 30.000 inhaftiert und in Konzentrationslager verschleppt. Friedhöfe und Geschäfte wurden zerstört. Die Novemberpogrome bildeten den Auftakt zur systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden. Der Holocaust begann.
     Paul Celan bemühte sich, das Unfassbare in Worte zu kleiden: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.«

Ein gedankenvoller, regennasser Abend, und nach fast einem Jahr Blog-Pause schreibe ich nun wieder öffentlich. Noch fühlt es sich ein wenig fremd an. Ich bitte um Geduld.

André

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