7. Mai 2008

Blubbernd taucht Monsieur auf

Die Zimmersuche hab ich inzwischen aufgegeben, komme sowieso kaum noch aus dem Theater raus. Meine Nächte verbringe ich bei D. auf dem Sofa. Immerhin hat er eine Badewanne, und wenn ich völlig abgekämpft — ich stehe morgens um 5:30 Uhr auf und bin meist bis 22 Uhr (oder länger) unterwegs — im lauwarmen (der Boiler ist kaputt) Wasser dümple, bekomme ich den Tee ins Bad gebracht. Ich kann also froh verkünden, dass nicht alles schlecht ist. (Dafür mache ich morgens Frühstück, was nicht immer Spaß macht, da D. auf sein Omelette besteht.) Die zweite gute Nachricht lautet, dass ich einige Kilo weniger habe und weniger abgeranzt aussehe, ja, frühmorgens fühle ich mich manchmal sogar wieder ein wenig sexy. Hätte ich vor vier Wochen nicht einmal im Traum dran gedacht. Merke: Liebeskummer plus Arbeit minus Essen ist die beste Diät, und abgesehen vom Herzen tut’s auch gar nicht weh. Meine Tätigkeit hier ist beklagenswert rekreativ und mechanisch, ziemlich zeitintensiv und anstrengend. Das Spiel der Erstbesetzung muss kopiert werden, eine eigene Interpretation ist verboten. Und so sitzt man da, guckt sich an, was Regie und Erstbesetzung kreiert haben und hat dann am Ende des Tages zwei, drei kurze Durchläufe, um’s zu duplizieren. Immerhin lernt sich der Text auf diese Weise fast von selbst. (»Twelfth Night« ist übrigens eines der weniger guten Stücke von Shakespeare, wie ich finde, aber das nur nebenbei.)
Am meisten Spaß machen die Anweisungen von Jane, die die Bewegungsabläufe auf der Bühne koordiniert. Sie ist drahtig, flink wie ein Frettchen und benutzt drollige Ausdrücke, die ich, der Ausländer, oft nur verstehe bzw. deren Bedeutung ich erahne, wenn ich meine Phantasie bemühe. Ansonsten spürt man inzwischen schon eine starke Anspannung und Gereiztheit. Wir (okay, okay, nicht ich, sondern die Erstbesetzung) haben in vier Wochen Premiere, und der Druck wächst dementsprechend. Erfahrungsgemäß ebbt dieses Beklemmungs-Gefühl noch einmal ab, um dann in der Premierenwoche noch einmal richtig aufzulodern, und das ist dann meist mit kleineren und größeren Krächen verbunden. (Mit Schauspielern ist es ja ähnlich wie mit Schwulen: Einzeln kann man sie ganz gut ertragen, aber wenn mehrere aufeinander treffen, wird’s rasch anstrengend und dann meist auch unerträglich.) Da ich zu den unwichtigen Personen hier gehöre, habe ich den Luxus, mich aus Spannungen weitestgehend heraushalten zu können. Dennoch schnürt’s mir ein wenig den Bauch zu, wenn ich an meine Vorstellungen denke. (Fünf sind mir jetzt bereits garantiert prophezeit worden.)
Man spürt den Frühling überall, aber die Energie hier ist arbeitsbedingt doch ziemlich weit unten. Für mich jedoch ist’s hier besser als in Berlin. In meiner Wohnung halte ich es noch nicht besonders gut aus, die ganze Negativität verfolgt mich dort auf Schritt und Tritt — und das, obwohl Hamburg drei Autostunden von Berlin entfernt liegt. Ein verdammt ekelhaftes Gefühl, wenn man sich in den eigenen vier Wänden bedroht fühlt von den bösen Geistern, denen man seinerzeit auch noch selbst lächelnd alle Türen geöffnet hat.
Drei Filme, die ich Euch noch ans Herz legen möchte, bevor ich wieder abtauche: »Cashback« (Regie: Sean Ellis), »Le scaphandre et le papillon« (Regie: Julian Schnabel) und »Nackt für Satan« (Regie: Luigi Batzella), der mich vom Titel her zwar an die kürzlich beendete letzte Beziehung Affäre emotionale Flachwichserei erinnerte, thematisch aber ganz andere Töne anschlägt: Satan hockt in feinem italienischen Anzug auf einem Thron und wacht rot und grün angestrahlt über gar frivole Orgien. Das wird zwar nach ca. einer Stunde etwas redundant und langweilig, hat aber in ästhetischer Hinsicht fast diesen naiv-liebenswerten Mario-Bava-Trash-Charakter.

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