8. April 2008

Up & Away

Gleich breche ich auf. Berlin — Hölldesheim — Frankfurt — Windhoek. Um kurz nach 22 Uhr hebt das Flugzeug ab, morgen früh gegen acht werde ich in der Hauptstadt Namibias landen. Chelito kommt zu meinen Eltern. Ein wenig graut mir davor. Mühsam habe ich ihm die Bettelei abgewöhnt, und ich weiß genau, dass ich ihn verwöhnt und vermutlich auch übergewichtig wieder abholen werde, weil meine Mutter es sich nicht verbieten lässt, die Hunde am Tisch zu füttern. Da gibt es dann auch schon mal Marmeladen- oder Nutellabrötchen und gewürztes Fleisch. Man möchte sie schütteln, aber mit 57 Jahren bringt wohl auch das nicht mehr viel. Chelito jedenfalls war die vergangenen Tage sehr merkwürdig: noch schmusiger und anhänglicher als ohnehin schon, furchtbar lieb, ruhig und immer an meiner Seite. Ihr könnt mir sagen, was Ihr wollt: Tiere haben ein Gespür dafür, wenn etwas »nicht stimmt« mit ihrem Menschen. Ich vermisse ihn jetzt schon.

Gestern führte ich ein sehr schlimmes und ein sehr gutes Gespräch. Tanja Ries war der erste Mensch seit Beginn der Höllenwochen, die wirklich gut reflektierte und mir im Gespräch so viel Kraft und Glauben zurück gab, dass ich nun mit einem etwas besseren beruhigteren Gefühl in den Urlaub aufbrechen kann. Wir sprachen u. a. auch über die Frage des Timings bei Trennungen, und es ist wahr: mit 28, 29, 30, 31 hat man eigentlich ein besseres Gespür dafür, wann ein »guter« Zeitpunkt für ein Gespräch ist. (Gut, ein Gespräch fand in meinem Fall nicht statt, es wurde die Form der SMS bzw. der E-mail gewählt, damit mein Liebling sich mit mir nicht auseinandersetzen musste und alles bequem und ohne Widerstand beenden konnte.) Jemandem zwei Stunden vor einem Auftritt oder ein paar Tage vor einem lange geplanten und ersehnten Urlaub — in meinem Falle waren es immerhin 15 Jahre — die Trennung zu geben, ist doppelt rücksichtslos. Klar, es gibt Dinge — Trennungen, Entlassungen, Autounfälle, Krankheiten etc. —, für die es keinen »richtigen« Zeitpunkt gibt. Dennoch hat man die Möglichkeit, unter den Myriaden von falschen Momenten den am wenigsten falschen zu wählen. Wieso jemandem den Urlaub kaputt machen? Warum die Konzentration vor einer wichtigen Prüfung rauben? Weshalb vor einer Beerdigung noch zusätzlichen Schmerz verursachen?
Furchtbar auch, was auf einen zukommt, wenn man den ersten Trennungsschock halbwegs überwunden hat: die Rekonvaleszenz-Phase. Die dauert! Je nach dem, wie stark das Vertrauen missbraucht wurde — in meinem Falle war das schon der Oberhammer! —, braucht man eine grotesk lange Zeit, um sich selbst wieder vertrauen zu können, das heißt: seinem Gespür für andere Menschen wieder vertrauen zu können. Da können schon ein, zwei Jahre ins Land ziehen. Tja, das liebe Selbstvertrauen… — ohne geht es leider nicht! Von dem Vertrauen einem anderen Menschen gegenüber möchte ich gar nicht sprechen. Wenn das einmal in den Boden gestampft wurde, braucht es viel guten Dünger, Wasser und Sonnenschein, damit es ganz allmählich wieder knospen kann. Das ist ein Schiss in die Hand, sag ich Euch! Mein Selbstvertrauen und das Grundvertrauen in andere sind jedenfalls vorerst im Nirvana und machen dort Urlaub.

Die Probleme verschwinden nicht, wenn man in den Süden fliegt. Sie werden gegebenenfalls nur wärmer. In Namibia allerdings ist jetzt Herbst. Wir lesen uns wieder im Mai. Bis dahin alles nur erdenklich Schöne und Gute, Euer

André

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