5. Januar 2008

No Bells on Sunday for Rachel

Das hochbegabte Mädchen aus Wales, das alles wollte: eine glückliche Ehe, Kinder und eine erfolgreiche Karriere. Wenigstens das mit der Karriere klappte: Produktionen am West End und am Broadway, Golden Globe-, Tony- und Oscarnominierungen, dreimalige Auszeichnung mit dem BAFTA. Zwischen 1960 und ihrem frühen Tod 1980 bewies sich Rachel Roberts in vielen Rollen als wandlungsfähige, disziplinierte Charakterdarstellerin. Ihre beiden Ehen blieben kinderlos, und dass ihr zweiter Ehemann Rex Harrison sie wegen einer anderen verliess, konnte sie nie verwinden. (Harrison war nicht weniger als sechs Male verheiratet, u. a. mit Lilli Palmer, die er für Kay Kendall verließ, die er wiederum für Rachel verließ, als bei ihr Leukämie diagnostiziert wurde. Und Carole Landis nahm sich seinetwegen das Leben. Ein toller Mann also.)

Rachel Roberts’ Tagebücher wurden posthum unter dem Titel »No Bells on Sunday« veröffentlicht. Der Journalist Alexander Walker schrieb erläuternde Zwischentexte und fügte ergänzende Interviews mit Kollegen und Freunden ein. Ein Buch, dessen Lektüre körperliche Schmerzen verursacht. »Everybody has not only a story, but a scream«, notierte Roberts, und auch: »Whenever I act well, my head clears. Always a bit frail I was personally, but never professionally.« (Erinnert ein wenig an Romy Schneider, die mal sagte: »Vor der Kamera kann ich alles, im Leben nichts.«)
Abgesehen von den schweren Depressionen, der Einsamkeit und dem aufsteigenden Wahn waren Roberts’ letzten Jahre geprägt von Soziophobie und Alkoholismus. Bekanntes Schema. Arbeit, Alkohol, Tabletten, Männer. Fluchtpunkte, die nur temporär funktionieren. Eine Flucht ohne Ziel lässt keine Ruhe zu. Die lähmende Angst. Tränenreiche Nächte. Die Vereinsamung, die einen abkapselt, obwohl man ständig unter Menschen ist. Und all das konnte sie — Respekt! — in Worte fassen. Selbst im Rausch war sie klar genug, um zu begreifen, was mit ihr geschieht. Ein idealer Ausgangspunkt, die Probleme zu bewältigen, sollte man meinen. Doch sie sah keinen Ausweg. Am 25. November 1980 schrieb sie: »I can’t control it any more and I’ve been trying with all my failing strength. I’m paralysed. I can’t do anything and there seems to be no help anywhere. What has happened to me? Is it that my dependence over the years on alcohol has so severely debiliated me that now, without it, I just cannot function at all? Or is it that my nervous system from birth has always been so very frail that life for me is too much to cope with? That I was the hopelessly dependent little girl who found everything too hard to handle, so that my intelligence and talent have overcome now that I’m in my fifties and I can’t withstand it? Day after day and night after night, I’m in this shaking fear. What am I so terribly frightened of? Life itself, I think.«
Nachdem sie diese Zeilen zu Papier gebracht hatte, setzte sie ihren Ängsten ein Ende. Ihr Gärtner erblickte ihre Leiche — zerschnitten von Scherben — am folgenden Morgen in der Küche. (Sie hatte sich mit einem Cocktail aus Barbituraten und anderen Tabletten und Alkohol vergiftet. Was genau sie eingenommen hatte, schrieb sie ebenfalls in ihr Tagebuch, doch diese Liste wurde aus verständlichen Gründen nicht veröffentlicht.)

Lange schon hat mich kein Buch mehr derartig erschüttert wie »No Bells on Sunday«. Aber ich neige schließlich auch zur Empathie. Wer harte Kost verträgt, sollte sich das Buch zulegen. Für Film- und Theaterfans ein must-read. Kleiner Tipp am Rande: Nicht den Fehler machen und während des Lesens den Soundtrack von »The Fountain« im Hintergrund laufen lassen!

Advertisements

3 thoughts on “5. Januar 2008

  1. Hilfe!

    Ich werde von alten Mails diese Accounts im Minutentakt überschüttet. bitte abstellen, danke!

    MS

    Gesendet mit der Telekom Mail App

  2. Pingback: 12. März 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s