19. Dezember 2007

Das London-Brainstorming

It’s a beautiful life
When you know yourself
It’s a thin-veiled disguise
When you’re not yourself
So don’t try and hide
The whole world’s waiting for you

Den Kleinen bei meiner Schwester abgegeben — ohne Anhang war das Fliegen doch eine spontanere, sorglosere Angelegenheit — und ganz früh am Mittwoch nach London geflogen. Seit meinem Juni-Besuch war ich nicht mehr in London gewesen, ein für meine Verhältnisse langer Zeitraum. Unerträglich lang, dachte ich in den letzten Wochen, in denen es mir schlechter und schlechter ging. — Wo befand ich mich? In einem lausigen Zustand, der am 5. Juli begann, sich bis zum November peu à peu verschlimmerte und mich schließlich seit einiger Zeit zu lähmen begann. Kein kreativer Fluss mehr. Ein totes Gleis. Ein leeres Blatt Papier. Ein tonlos schreiender Mund. Ich: spiralenförmig nach unten geschleudert. Zwischen Ekel, Zorn, Enttäuschung und Traurigkeit alternierend. Stumm. Schwarzseherisch. Voller Misstrauen und Aggressivität. Vor Weihnachten wollte ich diese Negativität noch abschütteln.

Persönliche Gespräche mit K. helfen mir in diesen oder ähnlichen Situationen seit jeher sehr. Besonders jetzt, da er seit einiger Zeit glücklich verliebt und auch beruflich unabhängig und erfolgreich ist, färbt seine Ausgeglichenheit wohltuend auf mich ab. Das war bereits bei meinem letzten Besuch auffällig. Na ja, und außerdem war da ein Vorsprechen, auf dass ich mich zwar gewissenhaft und ausgiebig vorbereitet hatte, zu dem ich aber schlussendlich lustlos erschien.

Manchmal scheint es mir, als würde all mein Dasein nur um die Arbeit kreisen. Und wenn ich nicht arbeite, brummkreiseln meine Gedanken melancholisch und schwindelig über tischtennisplattengroße Felder. Pausen, die länger als zwei Tage dauern, ängstigen mich zu sehr, als dass ich sie genießen könnte. 2008 sollte dies anders werden. Wenn Einsamkeit der Preis für Freiheit ist, dann sei’s drum. Sich nicht mehr rechtfertigen, schuldig oder schäbig fühlen müssen — das ist doch ein hehres Ziel! Dieses Jahr hat nicht die Vorweihnachtlichkeit der vergangenen Jahre. Wieder ein Stück Kindheit aus dem Gesicht gebrochen. Eher herbstlich mutet es an. Endlos dehnt sich die Dunkelheit und quillt an allen Enden über. Zermalmt das Licht förmlich. Fein, nächste Woche um diese Zeit ist der Spuk endlich vorbei. Eigentlich wünsche ich mir zwischen den Jahren nur ein wenig Zeit für mich. Und Chelito.

Übrigens (ich weiche etwas vom Thema ab) bin ich inzwischen — und ich schreibe dies mit einigem Stolz in den Fingern — Besitzer der »Canyon Songs« von Perry Blake. Keine kluge Wahl, wenn der Himmel trüb, verhangen, grau und drögmösig ist, aber »Have I Let You Down« und »Sometimes« sind die vielleicht schönsten Songs, die Perry je verfasst und gesungen hat. (Am 15. Januar tritt übrigens Bruce Guthro in Berlin auf!)

Zu London nur noch eine kurze Episode. Der Argentinier, auch er ein Gast von K., und ich standen in der Küche und tranken Kakao. (K.: »André, du sprichst doch Spanisch, unterhalte dich mal ein bisschen mit ihm.« — Wie ich das liebe! *grrrr*)
Er (auf Spanisch): »Quiero perderme en tu cuerpo esta noche.«
Ich (auf Deutsch): »Ach was? Aber nicht hier!«
Pikanterweise schlürfte seine Freundin derweil ihren Kakao im Nebenzimmer. Wir einigten uns in aller Stille darauf, zu warten, bis keiner von uns in festen Händen ist, wobei er zu bedenken gab, dass das noch ein Weilchen dauern könnte — schließlich habe er das Gefühl, sie sei die Liebe seines Lebens. Statistisch gesehen dauert »die Liebe des Lebens« heute in zwei Dritteln der Fälle ca. zwei bis vier Jahre. Wir verabschiedeten uns mit einem herzhaften Händedruck.

Es ist 20:35 Uhr. Der Rücken, der Kopf schmerzen. Ich fühle mich traurig. Sprachlos. Und müde. Gute Nacht.

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