18. Juni 2007

Stimmt nachdenklich

»Wenn ein Film 100.000 Zuschauer hat, die nicht rausgehen, und eine Stunde davon ist vollkommen langweilig und nutzlos, dann sind 100.000 Stunden oder etwa elf Jahre Leben einfach sinnlos verschwunden. Etwa ab 700.000 Zuschauern kostet ein langweiliger Film ein komplettes Menschenleben. Dumme Filme sind sogar noch gefährlicher, weil sie mehr Zuschauer haben und man nicht so schnell rausgeht. Ein sehr dummer Film von 90 Minuten kann allein in Deutschland fünfzehn Menschenleben fordern. Dies ist mein Beitrag zur Debatte über die deutsche Filmkritik. Kritiker, auf die man sich verlassen kann, retten Leben.« (Harald Martenstein)

American Doll Posse (Konzert)

Um Punkt 20 Uhr betrat die »Vorband« die Bühne des Tempodroms. Die Luft war warm und schlecht, die Sitze beschissen. Die Vorband bestand aus einem jungen Mann und seiner Gitarre, neben ihm sorgte ein anderer durch gekonntes Zupfen für eine bezaubernd schöne Bassbegleitung. Mit Schmusestimme und den tollen Texten dürfte es Jushua Radin auch hierzulande schaffen, bislang hatte er nur in den USA gespielt. (Ja, Kinder, ich sah den allerersten Europa- bzw. Deutschland-Auftritt eines zukünftigen Stars.) Sein erstes Album »We Were Here« erscheint im Juli bei uns. Was ihn mir so sympathisch machte, war seine Nervosität. Er redete viel zwischen den Songs. Dass er noch nie vor einem so grossen Publikum gespielt habe, dass er noch nie außerhalb der USA gewesen war. Die Berliner hießen ihn wirklich herzlich willkommen. Als Vorband aufzutreten, ist ja eigentlich ein recht undankbarer Job. Singen, während die Leute sich mit Bier versorgen, noch schnell pissen gehen oder ihre Plätze suchen und schwatzen. Tori hat immer tolle Musiker dabei. Unbekannte Neulinge, die sie irgendwo gesehen hat und denen sie die Möglichkeit gibt, durch sie bekannter zu werden. Vor einigen Jahren hatte sie Howie Day dabei, ebenfalls ganz allein mit einer Akustik-Gitarre, und der hat sich inzwischen ganz schön gemacht. — Nachdem Joshua Radin fertig war, passierte 45 Minuten lang gar nichts. Zum ersten Mal sah ich während eines Konzert- bzw. Theaterabends, dass Leute in mitgebrachten Büchern lesen. Ich ärgerte mich immer noch über den komplett abwesenden Sitzkomfort. Aber dafür sass ich quasi direkt vor der Bühne, was will man mehr.

Um 21:10 Uhr kamen die bereits vertrauten Matt Chamberlain (Schlagzeug) und Jon Evans (Bass) mit einem Gitaristen (Namen vergessen, er war zum ersten Mal dabei) auf die Bühne, gefolgt von Pip (die eine schwarze Lackhose trug), die mit »Cruel« das erste Lied sang und uns auf einen rockigen Abend einstimmte. Gefolgt von »Teenage Hustling« und einigen Klassikern aus Toris früheren Jahren. Zu den ersten Klängen von »Professional Widow« ging sie wieder. — Auftritt Tori Amos. Dunkelblauglänzender, schulterfreier Hosenanzug, lange rote Perücke. Und in verflucht rockiger Stimmung. Bis kurz vor Mitternacht spielte sie voller Energie und Lust. Gott, Löwen sind so intensive, leidenschaftliche Menschen!
Wer Pop erwartete, wird enttäuscht gewesen sein, denn es war purer Rock’n’Roll: »Bliss«, »Lust«, »Big Wheel«, »The Waitress«, »Take to the Sky«. Ruhigere Töne schlugen die vier mit »Siren« an, einem Song, den sie sonst so gut wie nie spielt. Zwischendurch, als ihre begleitenden Jungs von der Bühne gegangen waren, um ein Päuschen zu machen, sass sie alleine am Klavier und sang Joni Mitchells »A Case of You« und »China« (von ihrer allerersten Platte). — Mit »God« und »Hey Jupiter« beendete sie ihre Zugaben. Zu diesem Zeitpunkt standen wir bereits vor der Bühne, tanzten und bewunderten sie, die trotz der lädierten (bandagierten) Hand zweieinhalb Stunden wie eine Besessene auf den Tasteninstrumenten (neben dem Bösendorfer gab’s wie immer ein Keyboard und eine alte Woodstock-Orgel) herumgeschlagen hatte.
Wie immer hatte sie mich gerührt, bis die Tränen kamen. In mir gewühlt, möchte ich sagen. Bei ihren Konzerten spüre ich — vor allem auch im Publikum natürlich —, dass das Theater bzw. die Musik ein Ort der Liebe ist. Es ist eine Form der Liebe, seine Sinne, seinen Atem für das zu öffnen, was da auf der Bühne geschieht. Und umgekehrt natürlich auch: Eine Musikerin und Songschreiberin wie Tori Amos kehrt ihr Innerstes nach außen und teilt es mit Fremden. Was für ein Vertrauensakt! Was für eine gute, warme Energie hier floss. Ja, doch, es war ein toller Abend, der noch lange nachhallen wird. Das letzte Tori-Konzert, das ich besucht hatte, war lange nicht so gut gewesen.

Zu ihrem Lifting muss ich sagen: Es geht. Auf ihrem Plakat sieht sie verteufelt transig aus. Aus der Nähe — ich stand ganz vorne an der Bühne; hätte ich mich hochgestemmt, hätte ich ihr den Fuß kraulen können — sah sie »echt« aus. Sie wird im August 44. Und ist mit ihren Segelöhrchen und ihrem großen Mund so niedlich und geil wie eh und je.

Irgendwer meinte hinterher im Foyer: »Die war besser als Madonna!« Ein hinfälliger Vergleich, die beiden sind einfach zu unterschiedlich. (Ich vergleiche ja auch keine Golfbälle mit Laubsägen.) Die eine ist authentisch, die andere ein Kunstprodukt. Die eine hat eine Botschaft, die andere ist gefällig. Die eine bemüht sich um Tiefe, die andere treibt an der Oberfläche. Die eine macht Rockmusik auf einem Klavier, die andere Banal-Pop. Die eine ist Musikerin, die andere macht eine große, fette Show. Die eine ist live am besten, die andere ist eine Studiomusikerin.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s