15. März 2007

Quel sauvage

Den gestrigen Tag würde ich am liebsten streichen. Er war nicht angenehm. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich nämlich auf der Straße angegriffen worden. Keine Angst, no big thing, aber doch schmerzhaft und vor allem erschreckend. Seit 1991 bin ich regelmäßig in London, seit 1999 lebe ich in Berlin, ich habe New York bereist und kenne sogar Chicago ein kleinwenig. Alles sehr große Städte mit viel Kriminalität. Aber nie bin ich direkt mit Gewalt konfrontiert worden, zumindest nicht auf offener Straße.
Es war auf der Rue du Faubourg St. Denis, ganz nahe am Gare du Nord, und ich war auf dem Weg zur Avenue de Flandre. Fragt mich nicht, warum. Es ist dort so hässlich! Quasi das Hohenschönhausen von Paris. Obwohl: Vielleicht ist es doch eher vergleichbar mit Neukölln? Um’s kurz zu sagen: Ich spazierte also in Richtung Parallelgesellschaft. Weil ich dachte, ich müsste auch mal in andere Bereiche der Stadt vordringen. Der Mann, der mir entgegen kam, war ein Farbiger. Schon von weitem erkannte man den Hass in seinem Blick und in seinen Bewegungen, er schrie vor sich hin und die Leute an. Obwohl er bestimmt keine 35 war, hatte er kaum noch Zähne im Mund. »Ça va, mon ami?« fuhr er mich an und stieß mir mit Wucht gegen die Brust. Er hoffte wohl, ich würde mich wehren, damit er »richtig« Dampf ablassen konnte, aber ich ging schnell weiter. Sein Schlag war so hart, dass die Brust und die Schulter noch -zig Minuten schmerzten. Vor allem aber war ich erschrocken — und wütend. Ich werde ja so ungern geschlagen. Ich wünschte dem Typen — hasfa shalom, hasfa haleda —, er möge vor der nächsten Rolltreppe ausrutschen und mit dem Gesicht nach vorn gegen die Stufen krachen, damit ihm noch die letzten Zähne abbrechen mögen. Natürlich hätte ich ihm nie und nimmer ein Bein gestellt. Aber ich wäre gern dabei gewesen, um über ihn hinwegzusteigen. Ich fürchte, er hatte ein massives Drogenproblem.
Mir war unterdes noch stundenlang übel. In der Parallelgesellschaft war’s mir auch zu unheimlich. Kennt Ihr das, wenn Ihr in einer Gegend seid, wo man ungerne einen Geldautomaten aufsucht? Die Avenue de Flandre sah so aus: Mädels, die ihr hübsches Aussehen mit Faschings-Make-up und Leggins verschandeln, Jungs, die in Gruppen vor Supermärkten lümmeln und den Passanten, die vorbei kommen, irgendwas hinterher rufen. Leggins, soweit das Auge reicht. Müde, wütende Gesichter. Zu allem Überfluss platzte mir auch noch die Hose, als ich bei dem Versuch, einen Hundehaufen zu umgehen, einen etwas gewagten Ausfallschritt nach vorne machen musste. Glaubt mir, wenn man mit aus der Hose hängenden Eiern durch eine europäische Hauptstadt gurkt, gibt es keine Möglichkeit, noch einen winzigen Rest an Würde mit nach Hause zu nehmen. Wenigstens trug ich trotz des sonnig-wonnigen Frühlingswetters eine Unterhose. So hingen die Bimbimurmeln wenigstens verhüllt aus der Hose. — Ich kehrte um, zurück in »meine« Ecke der Stadt. Ja, ein bisschen dekandent ist sie. Für Pariser Verhältnisse sehr groß und luxuriös. Vorgestern kam die Putzfrau. Davon hatte ich gar nichts gewusst. Ich kam in die Wohnung, da stand sie summend im Bad. Ich dachte an einen meiner Lieblingssätze von Georgette Dee: »Ich habe Personal, dafür hab ich keinen Pool.«

Es ist 8:12 Uhr, der Tee ist fertig, ich frühstücke jetzt und mache mich dann ans Drehbuch. Der Himmel ist eisblau, die Straße unter mir erwacht.

Merke: Nicht jeder, der dir Französisch-Nachhilfe gibt, meint es zwangsläufig gut mit dir, und mit dem Satz »Bonjour, je m’appelle André et j’ai une queue comme un aspirateur« kommt man in der Drogerie auch nicht unbedingt weiter.

Nightsongs

Unter diesem Titel läuft im Kino an der Ecke der peinlichste deutsche Film der letzten Jahre — vielleicht ist er sogar einer der schlechtesten Filme, die seit Bestehen der Bundesrepublik dort entstanden. Als er bei seiner Berlinale-Uraufführung ausgelacht und ausgebuht wurde und selbst die wohlwollenden Kritiker nur Häme übrig hatten, flüchtete sich Karmakar, der Regisseur, in schlagzeilentaugliche Publikumsbeschimpfungen. Man sei in Deutschland nicht bereit für sein Genie, niemand würde ihn verstehen, den Deutschen fehle der intellektuelle, vor allem jedoch der emotionale Zugang zur Kunst.
Ich lieh mir die DVD letztes Jahr mal aus und hielt nicht einmal das erste Drittel durch. Schon allein, weil ich den Anblick der Hauptdarstellerin nicht ertragen konnte. Sie war mir bereits in anderen Filmen unangenehm aufgefallen. Ein Gesicht, das aggressiv macht. Eine äußerst unangenehme, widerliche Person, dieses Weib. Von dem grundsätzlich inadäquaten Konzept des Films möchte ich gar nicht erst anfangen. Man kann ein skandinavisches Stück nicht so umsetzen! Okay, ich bin Deutscher, mir fehlte wohl der Zugang. Nun schön, drei Jahre später läuft das Glanzstück der Filmkunst in Paris — und das leider praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn die französischen Pressebesprechungen waren, vorsichtig formuliert, miserabel.

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2 thoughts on “15. März 2007

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