12. März 2007

Nur so

Termin in der Rue du Maine. Um ganz sicher zu sein, dass ich es nicht mit der Avenue du Maine verwechsle, bemühe ich das Internet. Alles geht glatt. Ein bisschen zu spät dran war ich, keine Zeit mehr für eine Rasur. Cremefarbener Rollkragenpulli und Jeans, nicht eigentlich chic, aber auch nicht ungebührlich unelegant. Ich wollte mich ja nur mal ganz zwanglos vorstellen. Ohne Fotos und Demomaterial eigentlich ohnehin witzlos, wenn nicht gar frech. Beim Blick in den Spiegel fühlte ich okay. Ausgeschlafen. Die Haare inzwischen richtig lockig und heller. Ein bisschen schlanker geworden. Leider ein wenig blass. Natürlich bin ich pünktlich. Die Dame, die mich empfängt, spricht sehr langsam. X. habe ihr erzählt, ich spräche kein Französisch. Ich korrigiere, bin aber dankbar für ihre Rücksichtnahme. Non, non, meine Französischkenntnisse seien nicht so gut wie zum Beispiel in Englisch, aber ich lerne schnell. Oui, oui, ich habe Berufserfahrung. Rund 20 Film- und Fernsehauftritte, wobei zwei Drittel kaum zählen dürfte, weil es sich um Kleindarsteller- bzw. Statistenrollen handelte. Non, non, ich habe kein Demomaterial in französischer Sprache, ich kann nur mit Englisch, Spanisch und Deutsch dienen. Die attraktive Dame, ebenfalls in Jeans, stellt mich G. vor, einem etwas älteren Herrn, der anscheinend mehr zu sagen hat. Das Gespräch ist kein Vorstellungsgespräch. Wir sprechen über Paris und über Berlin, ich versuche, ein wenig über London beizusteuern, wir reden über Film, die diesjährigen Oscar- und César-Preisträger. Nicht über mich und nicht darüber, dass ich eventuell Arbeit suche. »Il est vraiment très beau, très mignon«, sagt die Jeans-Dame, und ich erröte. (Ich frage mich, was zum Henker X. den beiden noch erzählt hat; außerdem mag ich es nicht, wenn man in meinem Beisein über mich redet, als wäre ich nicht im Raum.) G. bittet mich, draußen Platz zu nehmen. Ich bedanke mich. Je crois qu’ils parlent de mes fesses, aber das macht mir nichts aus, ich trinke aus der mitgebrachten Wasserflasche. Den Kaffee hatte ich dankend abgelehnt. — Nach nur wenigen Minuten kommen G. und Jeans-Frau heraus. G. spricht Englisch. Ich bräuchte dringend Demomaterial auf Französisch, sagt er, erst dann können wir uns richtig unterhalten. Keine Zu-, aber definitiv auch keine Absage.
Jetzt bräuchte ich nur noch eine(n) Partner(in), der (die) fließend Französisch spricht, drei bis vier Szenen, die wir ausarbeiten können — und jemanden, der das filmt, schneidet und vorzeigefertig auf DVD zaubert. Und dafür habe ich bis Mai Zeit. Da wir ja »erst« den 12. März haben, dürfte das zu schaffen sein. Obwohl mir ganz übel wird bei dem Gedanken, dass ich ja hier nun wirklich niemanden kenne. Und in Berlin dauerte es sieben Jahre, um Kontakte zu knüpfen.

Ich bin drauf und dran, im Park oder in den Straßen Unbekannte anzusprechen, um meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. In der Schule haben wir zwar gelernt, wie man Texte analysiert, Prévert und Sartre interpretieren kann etc., aber alltagstauglich war unser Französischunterricht nicht. Das fiel mir damals schon in der zehnten Klasse auf: Gedichte zerpflücken — mais oui!, im Restaurant bestellen: ah non!

Wenigstens konnte ich in unserem Gespräch über Film heute morgen das gestern aufgeschnappte Varese-Zitat eindrucksvoll in meinen ansonsten stümperhaften Redefluss einbauen. Die Quittung: »Tu es vraiment trop fou pour être allemand.«

Heute würde ich gerne essen gehen. Le Hangar (12 Impasse Berthaud, gleich hier um die Ecke) wurde mir von M. schon am ersten Tag empfohlen. Schauen wir mal. Die Jeans-Dame hatte mir ihre Privatnummer gegeben. Aber ob das eine gute Idee sein soll, weiß ich nicht.

Kurze Abendnotizen

Die Lemper, das Magerfrettchen mit der Walkürenstimme, antwortete einem Journalisten auf die Frage, wie sie ihre deutsche Herkunft in Frankreich empfinde: »Le marché aux puces est ouvert jusqu’à dix heures le soir, toutes les grenouilles ont été vendues.« Als ich das damals las, dachte ich, Ute habe mal wieder den Klebstoff zu lange offen stehen lassen. Heute, zwölf Jahre später, glaube ich, sie ein bisschen besser zu verstehen. — Ich bewundere jeden, der sich in Paris hinters Steuer traut. Chaotisch wäre geprahlt, wenn man den Stadtverkehr hier beschreiben wollte. Besonders erwähnenswert finde ich die Einparkmethoden. In Deutschland würden die Leute aus dem Meckern nicht mehr heraus kommen! In Paris muss man, wenn man sein Auto abstellen konnte, den Leerlauf einlegen und darf auf keinen Fall die Handbremse anziehen. Wenn der nächste nämlich vor oder hinter einem einparkt, wird er immer wieder mit seinem Fahrzeug gegen das Auto dotzen, und dann sollte es wenigstens ein bisschen nachgeben. Jedes Auto, das hier länger als 14 Tage in Benutzung ist, hat Beulen, das ist ganz selbstverständlich.

Boulevard de la Madeleine. Hier befindet sich La Maison du Chocolat. Natürlich musste ich hin! Ein Coffret de Pralinés, bestehend aus 36 Stück, kostet 38,50 Euro, ein winziger Zitronenkuchen (für zwei Personen) 18 Euro und eine Schachtel mit 16 hauchdünnen Schokoladenplättchen 54,80 Euro. Bei diesen Preisen muss die Schokolade ja schmecken, denkt man. Falsch gedacht. Gut, ich bin kein Freund von Zartbitter. Nie gewesen. Und Edel-Herb auch nicht. Wenn man auf normale Vollmilch steht, ist man zu normal und definitiv kein Gourmet und auch nicht fein genug für La Maison du Chocolat. Aber schön sieht’s ja aus, nä? Muss man sagen. Ich drückte mir schon vor dem Eintreten am Schaufenster die Nase platt. Besonders fasziniert war ich von den hauchdünnen, mit edlen Verzierungen versehenen Schokoladenplättchen. Die Herstellung muss sehr aufwendig sein — das erklärt natürlich den Preis von fünf Euro pro Stück. (Sie sind quadratisch und haben etwa die Grösse eines Leibnitz-Kekses.)

Avenue Franklin D. Roosevelt, 8. Arrondissement. In der Buchhandlung Livre Sterling findet man wahre Schätze. Nicht unweit der Champs, ist es sehr touristisch, klar, aber wenn man sich daran nicht stört, kann man in diesem süßen Buchladen nach Herzenslust stöbern. Hier werde ich mich mit Lesefutter eindecken.

Rue Saint-Honoré. Ein zauberhaftes, leicht versteckt gelegenes Restaurant gefunden, das La Taverne de l’Arbre Sec heißt und so gemütlich ist, dass man die Preise ganz übersieht — und das auch noch gern.

Merken: CDs von Kyle Eastwood und Andreas Scholl kaufen. X. empfahl mir den Blog von Sohrab Chitan. Steht allerdings nicht viel drauf. Was will mir X. damit sagen?

So sehr mir ihr erstes Album gefiel, umso mehr geht mir doch die neue Platte von Carla Bruni auf den Sack. Die geht mir so auf den Sack, dass dieser schon ganz platt und faltig ist. Das erste Album war zauberhaft, ganz frisch und auf Französisch mit italienischen Bröckchen. Auf der neuen singt sie Texte von Emily Dickinson und W. H. Auden auf Englisch. Erst einmal liegt ihr das nicht und zweitens nervt ihre Gesangsstimme inzwischen enorm. Sie klingt wie eine zwölfjährige Asthmatikerin, die auf Hannelore Elsner macht. Das mag für ein Lied ganz amüsant, vielleicht sogar süß sein, aber nach einer ganzen CD bist du drauf und dran, der Frau eine Plastiktüte vors Gesicht halten zu wollen. Für Graphiker und Ästheten ist die Aufmachung der CD allerdings ein Traum. Ein stilvolles Booklet, tollte Texte, gute Typographie … und die Fooooootos! Die Frau ist ja wirklich ein geiles Stück nett.

Ach, was kann ich noch schreiben: Ein Wetter, wie man es sich nicht schöner wünschen könnte. Die Vögel tun das für den Erhalt der Art Sachdienliche, und sie tun es lautstark. Die Schwimmbäder hier in der Gegend sind gut besucht, viele fahren mit dem Rad. Und alles hier ist so malerisch und geschichtsträchtig und, ja, filmisch, dass man hofft und glaubt, jeden Augenblick Jean Seberg zu erblicken, wie sie mit ihren streichholzkurzen Haaren im T-Shirt über die Champs läuft und ruft: »New York Harold Tribune!«

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2 thoughts on “12. März 2007

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