9. März 2007

La pluie, ça me donne toujours des idées noirs.

Auf blühende Sonne folgte pudeliger Regen. Und wie ein solcher sah ich nach einem langen Fußweg durch Montmartre auch aus. Durchnässt bis auf die Knochen saß ich in einem sehr schönen Café ganz in der Nähe von Zuhause, im Au Père Tranquille, und wartete auf X. Warum sich Schauspieler immer verspäten müssen, werde ich nie verstehen. »Ein Schauspieler, der pünktlich ist, schneidet sich ins eigene Fleisch«, sagte mir ein Schauspiellehrer mal; ich habe nie kapiert, inwiefern oder warum Pünktlichkeit einem schaden kann oder soll.
X.s Eintreffen bemerkte ich sofort, obwohl ich mit dem Rücken zur Tür gesetzt wurde. (In Paris wird man zu seinem Platz geführt.) Alles schaute auf und drehte sich um. X. hat eine Jesus-Aura. Er betritt einen Raum, und alles weicht einen Schritt zurück vor Hochachtung. Die Frauen schmelzen dahin, den Männern klappt der Kiefer nach unten. Er ist ein Mann, der angestarrt wird. Natürlich, seine Schönheit ist auffallend. Als er zu meinem Tisch kam, befühlte er meinen noch immer nassen Nacken, ich stand auf und wir begrüßten uns. Es gibt Tage, an denen ich seine Schönheit kaum ertragen kann. Mir wurde ein wenig schlecht, denn zum ersten Mal spürte ich ein säuerliches Gefühl von Neid in mir. Ich weiß, ich werde nie so aussehen wie er. Ich weiß auch, dass ich nie seinen Stil haben werde. Dieses Gespür, was für eine Frisur oder was für ein Kleidungsstück mir steht und meinen Charakter unterstreicht. Sein schlichter grauer Pulli, der lange, schwarze Mantel, die schwarze Hose wirkten an ihm so chic und stilvoll, als wären sie extra für ihn angefertigt worden. Das kurze, schon leicht graue Haar ebenfalls feucht, die bernsteinfarbenen Augen glänzend wie eh und je, thronte er mir gegenüber. Mein Gesicht neben dem seinigen im Spiegel sah aus wie ein Gesteinsbrocken. — Wir redeten. X.s Serie ist gefloppt, trotzdem war’s ein ungeheurer Karriereschub. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach Französisch, und sein Gesicht verzog sich, als würde er an einer fauligen Auster lutschen. »Try English«, meinte er dann. Damit war für mich der Tag gelaufen. Und das bereits um 15 Uhr. Dass er weder Englisch noch Deutsch spricht, wollte ich ihm nicht auf die Nase binden. Nass, wie ich war, wollte ich eigentlich nur noch nach Hause und ein langes, heißes Bad nehmen. Vielleicht noch ein Buch kaufen. In meiner Straße befindet sich eine Librairie Allemande, ein deutschsprachiger Buchladen. Überhaupt ist die Rue Rambuteau ganz großartig und sehr zentral. (Paris ist zu Fuß übrigens sehr gut abgehbar, wenn man das Gehen ein bisschen gewohnt ist.) Auf dem Rückweg kaufte ich mir einen Salat und etwas Dressing. M. ist mit seinem Freund nach Tirol geflogen, um den Freuden des Skisports zu frönen, und ich bin allein. Die getigerte Katze im Hausflur begrüßt mich immer mit einem aufmunternden Maunzer, wenn ich die Türe öffne und mit meinen Tüten und Taschen die fünf Stockwerke hinauf steige. Sie hat noch einen schwarzen Kumpel. Die beiden teilen sich den kleinen Hinterhof und stauben sicherlich gerne mal etwas von den Meeresfrüchten ab, die im Laden nebenan verkauft werden.

Meinen ursprünglichen Plan, heute noch im Chartier (7, Boulevard du Montmartre) essen zu gehen, werde ich vermutlich verwerfen. Marianne Faithfull tritt am 27. in der Cité de la Musique auf, Ute Lemper am 27. April im Salle Pleyel. Charlotte Rampling gibt die Hauptrolle in einem Strindberg-Stück, und überhaupt muss ich hier noch ganz viel tun und sehen und machen. Wenn nur die Preise nicht dermaßen hoch wären!

Vor den Schaufenstern der Immobilienhändler bleibe ich stehen, gucke, studiere, bin geschockt und inspiriert. Für 30 Quadratmeter muss ich mit ca. 300.000 Euro rechnen. Aber da ich den schweren Verdacht hege, hier zu bleiben — also früher oder später ganz hierher zu kommen —, denke ich, dass ich mir das mal merken sollte. (Das Konzept des Mietezahlens war mir schon immer zuwider, vermutlich ein anerzogener Ekel.)

Blaq Out

P.S., ich habe heute — zufällig, weil ich mich mal wieder verlaufen hatte — das Pariser Äquivalent zum Videodrom-Shop gefunden. Der Laden heißt Blaq Out und befindet sich in der Rue Charlot. — Überhaupt ist Paris ein Leckerbissen für Cineasten. Die Franzosen (Italiener, Spanier, Österreicher, Engländer, Skandinavier … eigentlich alle, außer die Deutschen) lieben ihre Filmkultur. Allein die liebevolle Aufmachung der DVDs, die Literatur zu den Filmen, die Plakate: das ist mit der stiefmütterlichen Filmbehandlung in Deutschland nicht zu vergleichen. Bis jetzt habe ich mir zehn DVDs gekauft. Allesamt Filme, die in Deutschland vermutlich nie erhältlich sein werden.

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