4. Dezember 2006

Der Buñuel-Tag

Mit zauberhaften Gedanken begann der Tag, beim Hinübergleiten in den Abend wurde er schattig. Der Regen prasselte. Ans Fenster. Im Herzen. Die Erregung ging so weit, dass ich urplötzlich Nasenbluten bekam, und es hörte lange nicht auf. Die Farben der Hölle, wie sehen sie aus? Ein lila Duft, der die Räume flutet?
Ralf hat den Mann im Keller gerettet. Mit dem pfiffigen Sounddesign und der Hippie-Musik wurde daraus ein schräger, kleiner Film — eine schwarze Liebeskomödie, bitterbös und saftig-frisch. Ich bin gerne bei Ralf Leutheuser, wir lachen zusammen und sind dabei wirklich produktiv. Noch vor meinem Umzug nach Paris werde ich ein paar neue Songs einspielen, die Vorauswahl ist getroffen. U. a. ist »Somebody Already Broke My Heart« dabei. Dieses Lied ist mir seit sechs Jahren sehr, sehr nahe, und ich freue mich darauf, es mit Ralf neu zu arrangieren, es zu atmen, zu schmecken, die Worte zu meinen werden zu lassen. — Bis zum Mittagessen mit Stefan U. war also alles denkbar schön. Am Nachmittag dann … X.s Absage für das gemeinsame Frühstück, dann unvermutet viel Zärtlichkeit, stundenlange Massagen und die Aua-Worte. Dann der Kuss, der nach Abschied schmeckte. Die Tür fiel ins Schloss, die Nase fing an zu bluten. »Du bist so intensiv, du wirst eines Tages noch platzen!«, sagte meine Schauspiellehrerin 1998 zu mir. Langsam beginne ich zu erahnen, was sie damit gemeint haben könnte.
Zuweilen kann ich verstehen, warum Leute wie z. B. Herr W. ein Leben ohne Drogen und Alkohol nicht mehr ertragen können bzw. wollen. (Gut, bei dem speziellen Beispiel fallen noch ein paar andere Defekte ins Gewicht. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.) Leider bin ich kein Suchtmensch. Hab heute mal wieder ein Kippchen geraucht und gemerkt: Ich kann’s mir nicht angewöhnen. Bleibe an nichts kleben. (Höchstens mal an Suchtmenschen.) Wenn man sich nicht betäuben und es ebenso wenig ertragen kann, was bleibt dann? Wohin, wenn’s zu spät ist, um zu gehen? Wohin, wenn’s zu spät ist, einfach umzudrehen? Madame, Sie erinnern mich an das höchste Blatt eines Galgenbaums. Ameisen krabbeln durch die Hände, über die Arme, fressen sich Löcher, bohren sich in Venen, Muskelfasern, Knöchelchen. Mein Anwalt sagt: »Ich rate Ihnen zu etwas Meskalin!« — Gott, wo geht das denn jetzt hin? Die Filmrolle reisst? Hält an? Springt zurück auf Anfang? Die Farben der Hölle umkreisen, -fassen, -klammern bis zum letzten Atemzug. »Atem, das heißt Richtung und Schicksal«, schrieb mein geliebter Paul Celan, bevor er sich in der Seine ertränkte. Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder doch? Vor lauter Tränen sehe ich nicht klar. Keine Ahnung, wie ich schlafen oder gar morgen arbeiten soll!
Rückblickend war Britneys ausgeleierte Thunderpussy vielleicht doch der Höhepunkt des Tages? Beunruhigende Vorstellung. Nein, das Streicheln und Küssen, der Austausch zärtlicher Worte … entzieht sich in seiner Schönheit aller Beschreibungen durch Worte … aber das Aufschrecken! Der folgende Dialog ist frei übersetzt.
X.: »Pass auf dich auf.«
Ich: »Ist das eine Warnung?«
X.: »Ich möchte dir nicht weh tun. Ich bin bereits in jemanden verliebt und kann mich nicht lösen. Pass bitte auf, dass du dich nicht verliebst, ja?«
Ich schweige, denke aber: »Ein bisschen zu spät, oder?«
Es regnet Tränen in mein Herz. (Niels Frevert, ich vermisse Dich!) Ein großes Herz wird leicht schwer. (Danke, Ulla.) Worauf freuen? Auf Weihnachten? Den Jahreswechsel? Den Umzug? Der Sinn macht Urlaub. Ich reise nach, ihn zu finden. Bis dahin…
…meinen LeserInnen alles nur erdenklich Liebe.

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