14. November 2006

Es wird in die Ferne geschweift, weil das Gute eben nicht nahe liegt

Kerstin hatte ich seit dem letzten Drehtag zu Half Past Ten nicht mehr gesehen. Um so schöner war das Treffen gestern zum Tee. Wir beide ein wenig verschnupft, ein wenig übermüdet von dem arbeitsreichen Jahr. Earl Grey, Chaitee und Toast mit Avocadocreme.
»Schwierige Drehs schweißen zusammen«, sagte sie mir schon, bevor die Dreharbeiten begannen. Das trifft’s wohl, wir sind alle sehr vereint aus dieser schwierigen Arbeit herausgekommen, Michael, Sascia, Kerstin und ich. Hoffentlich wird der Film gut. Ein Herzensprojekt, an dem ich drei Jahre arbeitete. Der Dreh war so chaotisch, dass ich nicht einschätzen kann, wie das Endresultat aussehen wird. Die Regie war maßlos überfordert, die Kamera konnte gut reden, aber nicht gut Bilder einrichten. Immerhin harmonierten wir im Spiel, und das Drehbuch war wirklich gut. So vielschichtig und schön habe ich nie über Liebe geschrieben, manche Textpassagen jagen mir heute noch hinterher.
Kerstin nimmt sich eine Auszeit in Goa. Flug und Unterkunft gebucht, ihr Freund fliegt mit. Zwei Wochen Goa. Wie ich sie beneide! Zu FU-Zeiten, in der Indologie, sah ich vorfreudig und ungeduldig meinem Auslandssemester in Indien entgegen; dazu kam’s leider nie. Warum? Hatte ich Bedenken, weil man dort kein Klopapier benutzt, sondern die linke Hand? (In Restaurants daher die Anweisung: Right Hand Only! — gegessen wird mit der rechten Hand, die linke hat unter dem Tisch zu bleiben.) Dachte ich, es wäre zu teuer? Oder hatte ich — was gar nicht meiner Natur entspräche — Angst vor der Fremde? Keine Ahnung. Teuer ist Indien weiß Gott nicht. Klar, für den Flug muss man 600, 700 Euro einplanen, aber vor Ort kann man für 200, 300 Euro zwei, drei Wochen lang leben wie ein König. Luxushotels kosten 40 Euro pro Nacht, ein normales 15 bis 20 inkl. drei Mahlzeiten. Vielleicht 2008, 2009… Mehr noch als Goa würde mich allerdings Sri Lanka reizen. Zwei Semester lang haben wir die Tempelanlagen Sri Lankas studiert, und die beeindruckten mich mit Abstand am meisten. Was für Meister, was für Ästheten da am Werk waren, und wie bemerkenswert sich alles über die Jahrhunderte erhalten hat!

Der Schnitt zu Half Past Ten soll diese Woche endlich, endlich anfangen. Lange hat’s gedauert. Der letzte Drehtag war im Mai, das Material liegt unangetastet seit Monaten in irgendwelchen Wohnungen. Musste dem Cutter ein Ultimatum stellen: 1. März 2007. Hoffe, das ist machbar, immerhin soll Half Past Ten abendfüllend werden.
Am Freitag ist der erste Drehtag für das Musikvideo. Merke das Nahen der Nervosität. Da aber Jennifer und Stefan so unheimlich gut in der Vorproduktion waren, so präzise und genau, gehe ich von einem verhältnismäßig entspannten, guten und schönen Dreh aus.
Seit einer Woche wieder — mehr oder weniger — zaghaften E-Mail-Verkehr mit IJB. Am Freitag bekam ich meine Verträge für »Glastage« zugeschickt. Scheint, dass alles zivilisierte Formen findet. Das erleichtert und freut mich immens.

Trotz der großen Schmerzen, die ich seit zwei Wochen mal wieder habe, konnte ich doch bei Borat Tränen lachen. Wirksamer als jede Bombe, so ein Film. Er schiesst wirklich über alle (geschmacklichen und politischen) Grenzen hinaus. Das muss Comedy leisten. Köstlich!

Wenn ich daran denke, wie ich 1999 nach Berlin gezogen bin — blauäugig, ahnungslos —, sind meine Vorbereitungen für Paris schon sehr pedantisch. Die Ausgangssituation ist ähnlich: In Berlin kannte ich damals auch kaum jemanden und hatte keine Ahnung von den Ausmaßen der Stadt. Ich wusste lediglich, dass die U-Bahnstation an meiner Uni Dahlem-Dorf hiess. Bei der Wohnungssuche lag mein Hauptaugenmerk auf der Frage: Wie weit ist es bis zur U1? Fand also die Wohnung in der Nähe vom Kottbusser Tor, in der ich bis heute wohne. Von dort aus waren es jeden Morgen etwa 45 Minuten bis zur Uni, aber immerhin: nicht umsteigen. Das Umsteige-Ritual wollte ich um jeden Preis vermeiden. Erst viel, viel später tastete ich mich vorsichtig und ängstlich und mit dem Fahrrad vor in andere Bereiche der Stadt — Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Mitte, Wedding, Charlottenburg, Schöneberg, Tiergarten. Erst 2003 kam mein Auto nach Berlin, und dann lernte ich es ein drittes Mal aufs Neue kennen. Mit Stadtplänen, Straßenkarten, Adressen von Paris kann ich inzwischen meine Wände tapezieren. Furchtbar eigentlich, wie vernünftig man in aller Unvernunft doch wird.

CD des Tages: Barbara Carlotti: »Les Lys Brises«.

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